"Der wahre Fan verzichtet auf Gewalt"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Reinhard Franke

Vor dem Saisonstart zittert die Bundesliga vor den Hooligans. CDU-Politiker Wolfgang Bosbach spricht im SPORT1-Interview über das Problem mit gewaltbereiten Fans.

Wolfgang Bosbach ist Fußball-Fan durch und durch. Sein Herz schlägt für den 1. FC Köln. Der 65 Jahre alte CDU-Politiker und Rechtsanwalt ist im Beirat des Klubs und auch in der AG Fan-Kultur bei den Geißböcken. Im August 2016 verkündete Bosbach, 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren zu wollen. Mit Ablauf dieser Wahlperiode werde er seine politische Arbeit beenden. Zu den Hooligan-Problemen im deutschen Profifußball hat er eine klare Meinung. Die aktuellen Ereignisse in der Fan-Szene mit den Ausschreitungen und dem Pyro-Eklat beim Pokalspiel zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC schockieren Bosbach.

Vor dem Saisonstart spricht er im SPORT1-Interview über Ultras, Kollektivstrafen und kritisiert Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius für dessen Bengalo-Zugeständnis.

 

SPORT1: Herr Bosbach, was sagen Sie zu den schlimmen Bildern vom Pokalspiel Hansa Rostock gegen Hertha BSC?

Wolfgang Bosbach: Bei diesem Spiel handelte es sich ja leider nicht um den ersten Gewaltausbruch. Das waren schon sehr dramatische Szenen und Bilder, die zu sehen waren und die mit dem Sport überhaupt nichts zu tun haben. Ich hoffe, dass die Täter selber nicht glauben, dass sie echte Fußballfans sind. Der wahre Fan verzichtet auf Gewalt, kämpft leidenschaftlich für seine Mannschaft, unterstützt das Team und den Verein wo immer er kann. Aber er würde dem Klub nie schaden wollen. Die Chaoten, die sich in Rostock austobten, haben beiden Vereinen erheblich geschadet. Und dem Fußball insgesamt auch.

SPORT1: Man hat das Gefühl, dass es nicht besser, sondern schlimmer wird.

Bosbach: Teilweise mag das tatsächlich stimmen. Wenn Chaoten vermummt antreten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie als Täter nicht identifiziert werden können. Wir kennen ja keine kollektiven Strafen im Strafrecht, denn jedem Täter muss eine ganz bestimmte Tat nachgewiesen werden. Und genau das wissen die Chaoten, wenn sie in einer Gruppe auftreten. Nach dem Spiel können sie dann als Täter nicht identifiziert und überführt werden. Da geht es nicht nur um die zu erwartende Kriminalstrafe bzw. die staatliche Strafgerichtsbarkeit, sondern um sportliche Sanktionen wie Stadionverbote. Ein großer Teil der Täter, so fürchte ich, wird für die Randale in Rostock ungeschoren davonkommen.

SPORT1: Fürchten Sie, dass so etwas oder wie in Rostock zur Regel wird?

Bosbach: Das glaube ich nicht. Das, was sich in Rostock abspielte, war abschreckend genug. Am Mittwoch hat der DFB einen großen Schritt in Richtung Ultras und aktive Fan-Szene getan, indem man Gesprächsbereitschaft noch einmal angeboten hat mit dem vorläufigen Verzicht auf Kollektivstrafen. Ich hoffe jetzt, dass dies die Ultras zum Nachdenken bringt. Ein Kritikpunkt waren immer diese Kollektivstrafen und an dieser Kritik war auch etwas dran. Es wurden dann nicht nur diese Chaoten getroffen, sondern auch völlig friedliche Fans, die mit Ausschreitungen überhaupt nichts zu tun hatten. Dann besteht natürlich die Gefahr, dass die größere Gruppe friedlicher Fans sich mit den Chaoten solidarisiert.

SPORT1: Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Ultras durch die Abschaffung der Kollektivstrafen als Sieger fühlen?

Bosbach: Das ist die spannende Frage, um die es jetzt geht. Setzt bei den Ultras das Nachdenken ein, indem man auch auf den DFB einen Schritt zugeht und deeskalierend wirken will, oder sagen die Ultras 'Die erste Runde geht an uns, die zweite, dritte soll auch an uns gehen und der DFB soll sich nach uns richten'. Ich will niemandem unterstellen, dass er die zweite Alternative bevorzugt, aber die nächsten Wochen werden zeigen, ob das Signal des DFB verstanden oder ausgenutzt wird. Ich hatte immer meine Bedenken bei den Kollektivstrafen. Viele werden denken: Wenn man eine große Gruppe bestraft, sind die richtigen bestimmt auch dabei. Das aber führt auch zur Bestrafung Unbeteiligter.

SPORT1: Boris Pistorius, der Innenminister Niedersachsens, schlägt jetzt vor, Pyrotechnik legalisieren zu lassen. Was sagen Sie dazu?

Bosbach: Ich fürchte es ist sein Ernst, dann hat er allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht. In diesem Fall ohne die Sicherheitskräfte in den Stadien, ohne seine Polizei in Niedersachsen und ohne die Bundespolizei. Wie will er seine Sicherheitskräfte in einen Block schicken, wenn dort Straftaten begangen werden, Ausschreitungen stattfinden und gleichzeitig Pyro abgebrannt werden darf? Das Zeug kann über 1000 Grad heiß werden. Man würde die Polizeikräfte, die da rein müssten, einer hohen Gefahr aussetzen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass DFB und DFL Pyro legalisieren werden. Wieso ist dieses Zeug für eine leidenschaftliche Stimmung im Stadion so wichtig? Ich bin oft genug bei Fußballspielen dabei und es gibt auch tolle Stimmung, ohne dass irgendwelche Fackeln abgebrannt werden.

SPORT1: Sachsens Innenminister spricht sich klar gegen Pyrotechnik in Fußballstadien aus. Dies dürfte Sie freuen...

Bosbach: Natürlich freue ich mich darüber, zumal ich davon ausgehe, dass die anderen Innenminister dies genauso sehen. Es ist schon kurios, etwas in einem Teil des Stadions zu erlauben, was ansonsten strikt verboten ist.

SPORT1: Was kann die Politik noch tun, so dass die Mittel der Bestrafung noch stärker eingesetzt werden?

Bosbach: Die Bestrafung ist nicht Sache der Politik, sondern der unabhängigen Justiz. Es geht nicht darum, dass wir als Politiker und Parlamentarier Rechtslücken schließen müssten. Denn alles, was gerade wieder besprochen wird, ist ja strafbar. Da geht es darum die Täter dingfest zu machen und aburteilen zu lassen, damit sie ihre gerechte Strafe bekommen. Die Politik hat ganz andere Themen wie statt Stehplätzen nur noch Sitzplätze. Oder das Thema personenbezogene Eintrittskarten. Die beste Stimmung kommt nun mal von den Stehplätzen. Und deshalb hoffe ich, dass uns diese Maßnahmen erspart bleiben und die Fans, die sich ganz bewusst gegen den bequemen Sitzplatz und für den Stehplatz-Block entscheiden, dieses Vergnügen auch weiter haben werden. Dazu müssen sie aber selbst beitragen.

SPORT1: Die Ultras wollen immer größeren Einfluss nehmen. Keine leichte Situation, oder?

Bosbach: Bestimmt nicht. Die Fanbeauftagten tragen die Last immer auf zwei Schultern. Es ist ihre Pflicht, darauf zu achten, dass Recht und Gesetz nicht verletzt werden, dass die Stadionordnung eingehalten und die Regeln des DFB und der DFL beachtet werden. Andererseits haben die Fanbeauftragten auch die Aufgabe mit den Fanklubs zusammenzuarbeiten. Dazu gehören auch die sogenannten "Problemfans" einschließlich der Ultras.

SPORT1: In Rostock konnte ein ins Stadion geschmuggeltes Hertha-Banner verbrannt werden...

Bosbach: Ich persönlich habe keine Ahnung wie und warum das möglich war, ob der Verein beteiligt war oder getäuscht wurde. Beim FC Köln ließ man sich einmal eine Choreografie zeigen, einschließlich Bildern und Texten und dann wurde im Stadion etwas völlig anderes ausgerollt. Was sollen die Klub-Verantwortlichen da noch machen?

SPORT1: Sie sind beliebt bei den Leuten und bei den Fans. Haben Sie schon konkret etwas gemacht, um zu vermitteln?

Bosbach: Ich bin Mitglied in der AG Fankultur des 1. FC Köln. Ich beneide auch Dortmund oder Schalke um die tolle Stimmung, die gerade von der aktiven Fanszene ausgeht. Allerdings weiß ich auch, dass es lebhafte Debatten innerhalb der aktiven Fanszene gibt, die auch kontrovers geführt werden. Frage: Wo verläuft die Grenzüberschreitung, die nicht tolerierbar ist und die man nicht akzeptieren kann. Auch beim Thema Pyro gibt es ganz unterschiedliche Meinungen in der aktiven Fanszene.

SPORT1: Sie sind im Fan-Beirat des 1. FC Köln. Wie reden die Leute bei Fantreffen mit Ihnen?

Bosbach: Das sind zum Teil keine tumben Tore, sondern blitzgescheite Menschen und wissen genau, was sie sagen, tun und fordern. Die muss man schon ernst nehmen. Aber es ist gar nicht so leicht zu sagen 'Liebe Leute, über den Inhalt der Strafgesetze wird nicht in der Mitgliederversammlung einer Ultra-Gruppierung abgestimmt, sondern immer noch im Deutschen Bundestag. Und Regeln gelten für alle. Es gibt nicht wenige in der aktiven Fanszene, die glauben Regeln gelten für uns nicht, wir stellen die Regeln selber auf, Verein, Staat und DFB haben sich nach uns zurichten. Da ist es mühsam zu erklären, dass es so nicht funktioniert.

SPORT1: Was macht Ihnen Hoffnung auf Besserung?

Bosbach: Ich hoffe darauf, dass der große Teil der friedlichen Fans, die das im wahrsten Sinne des Wortes sind, den Chaoten keine Deckung bietet und denen sagt 'Liebe Leute, wir stehen gerne mit Euch im Block, aber es gibt Grenzen, die sollten wir nicht überschreiten.' Sonst wird es immer wieder zu Ausschreitungen kommen. Wenn der DFB und die DFL auf die Fans zugeht, dann sollten alle das Gesprächs-Angebot annehmen und dafür sorgen, dass die Saison friedlich verläuft.

 

 

Das Interview ist am 18. August 2017 online bei sport1.de erschienen.