"Endspurt. Abschied. Neuanfang."

Wolfgang Bosbach im Interview mit dem BENE-Magazin.

BENE: 2017 wird für Sie ein besonderes Jahr. Welches Wort trifft es besser: Abschied oder Neuanfang?

Wolfgang Bosbach: Eindeutig „Neuanfang“! Der Abschied von der Politik bedeutet ja auch mehr Freiheit und Freizeit, und das werde ich ganz bestimmt genießen. Leider war ich in den vergangenen Jahren durch viele Termine und Verpflichtungen weitestgehend fremdbestimmt. Demnächst kann ich auch mal ausschlafen und mir sogar die luxuriöse Frage erlauben: Was soll ich heute machen? Allerdings nehme ich an, dass diese Phase nach einigen Wochen auch vorbei ist ... Dann werde ich bestimmt neue Aufgaben übernehmen. Aber kein politisches Amt, kein neues Mandat. Ich habe von der Welt noch nicht viel gesehen, was ich gerne nachholen möchte. Das gilt für eine Reise in den Oman ebenso wie für den berühmten Highway No. 1 in den USA. Es steht also noch einiges auf meiner To-do-Liste.

BENE: Was sagen denn Ihre Ärzte dazu?

Bosbach: Im Grunde seit Jahren dasselbe: „Machen Sie das, was Ihnen Freude macht, aber übertreiben Sie es nicht!“ Alles, wozu mir geraten wird, halte ich ein: Ich habe kein dramatisches Übergewicht, ich achte auf meine Ernährung, ich rauche nicht, ich treibe Sport. Nichtstun liegt mir einfach nicht. Aber von morgens bis abends darüber nachdenken, was mir in punkto Gesundheit noch alles passieren könnte? Nein danke!

BENE: Ihr jüngstes Buch, in dem der Leser von Ihren Kämpfen in der CDU bis hin zu Ihrer Krebserkrankung vieles erfährt, heißt „Endspurt“. Warum dieser Titel?

Bosbach: Weil es in die Schlussrunde meiner politischen Arbeit geht. Deshalb: Endspurt. Auch im letzten Jahr meiner parlamentarischen Arbeit werde ich mich nicht hängen lassen, sondern mit dem gleichen Tempo weiterarbeiten. Bekanntlich werden beim Endspurt noch einmal alle Kraftreserven mobilisiert, auch um den Erwartungen der Wähler gerecht zu werden, denn die haben mich nicht nur für drei Jahre gewählt, sondern für vier.

BENE: Und danach gibt’s die Memoiren ...

Bosbach (lacht): Wenn, dann keine klassischen. Allerdings sind mir bei der Erarbeitung des Buches unzählige heitere Anekdoten eingefallen, vielleicht bringe ich die einmal zu Papier. Der Politik fehlt es wirklich nicht an Ernsthaftigkeit, manchmal allerdings etwas an Heiterkeit. Anders als in Bonn macht man sich in Berlin als chronisch fröhlicher Rheinländer allerdings verdächtig, weil eigentlich jeder wissen müsste: Die Arbeit wird auch nicht besser, wenn wir Politiker schlecht gelaunt sind.

BENE: Apropos Bonn. Was hat sich in der Politik seither verändert?

Bosbach: Oft fällt das Wort Politikverdros­senheit, aber das ist nicht ganz präzise. Das politische Interesse ist heute genauso groß wie damals zu Bonner Zeiten. Aber der Graben zwischen Wählern und Ge­wählten ist immer größer geworden. Wir haben ein hohes Maß an Parteien- und Politikerverdrossenheit. Das ist leider rich­tig. Vielleicht auch deshalb, weil im Zeital­ter von Globalisierung und Digitalisierung vieles komplexer und komplizierter geworden ist. Nehmen Sie das Feld der Innenpoli­tik. Klassische Innenpolitik gibt es kaum noch, selbst auf der Tagesordnung des Innenausschusses stehen überwiegend Themen mit internationalen Bezügen. Vieles kann man gar nicht mehr national entscheiden, weil die internationalen Verflechtungen und der europäische Eini­gungsprozess sehr weit vorangeschritten sind. Aber das bedeutet nicht, dass wir deshalb total kompliziert sprechen müss­ten, wir müssen sowieso weniger belehren und mehr erklären.

BENE: Sie legen Wert auf klare Sprache – ist das die Erklärung dafür, dass sie einer der bekanntesten Politiker sind, obwohl Sie nie Minister waren oder ein höheres Staatsamt innehatten?

Bosbach: Gut möglich, dass auch das ein Grund ist. Nicht jeder, der sich einfach und klar ausdrückt, ist ein tumber Tor, und nicht jeder, der total kompliziert formu­liert, ist ein Intellektueller. Ich habe schon sehr oft erlebt, dass Menschen mir gesagt oder geschrieben haben, sie seien in dieser oder jener Frage zwar nicht meiner Mei­nung, aber sie schätzten es, dass ich zu meiner Überzeugung stünde, auch wenn es einmal Gegenwind gäbe. Außerdem würden es mir die Mitmenschen sofort ansehen, wenn ich etwas sagen würde, hinter dem ich nicht aus Überzeugung stehe. Ich kann und will mich nicht verstellen.

BENE: Diese Authentizität hat ihnen mög­licherweise den Zugang zu den höchsten Ämtern verwehrt.

Bosbach: Das mag sein. Jedenfalls hoffe ich nicht, dass es Zweifel an meinem Fleiß oder meiner Kompetenz gibt, jedenfalls hat mir das noch nie jemand gesagt. Vielleicht war die oberste Heeresleitung aber auch der Auffassung, dass ich nicht geräuschlos jede politische Kurskorrektur mitmachen würde – und wenn das die Einschätzung war, dann war sie sogar richtig.

BENE: „Besser eingeladen, als ausgeladen“ – ist ein oft zitiertes Motto von Ihnen. Wie werden Sie künftig ohne den Polit- und Medienrummel bestehen?

Bosbach: Gut möglich, dass ich ein paar Entzugserscheinungen haben werde, wenn ich merke, dass ich nicht mehr so gefragt bin wie jetzt. Aber zurzeit habe ich schon eine ganze Menge Einladungen für 2018. Ich teile zwar regelmäßig fröhlich mit, dass ich mein Pensum deutlich reduzieren muss, aber bis jetzt hat der Hinweis wenig Wirkung. Es sind ja nicht die Veranstaltungen selber, die belastend sind, die machen mir großen Spaß, es ist der damit verbundene Reiseaufwand. Für eine Veranstaltung von zwei Stunden bin ich nicht selten 16 Stunden unterwegs. Das geht in Zukunft nicht mehr, und dann müssen halt andere auf Reisen gehen.

BENE: Die müssen ja nun erst einmal gefunden werden ...

Bosbach: Ach wissen Sie, die Friedhöfe sind voll von unersetzlichen Leuten – und es geht doch immer weiter. Ich habe das vor einigen Wochen selbst erlebt – da ist man sofort wieder geerdet: Als ich meinem Kreisverband erklärt habe, warum ich nicht erneut für den Bundestag antrete, waren viele betrübt. Da fielen Sätze wie: „Und jetzt? Wie soll es weitergehen? Wer soll es denn sonst machen?“ In der gleichen Nacht hatte sich schon der erste potenzielle Nachfolger gemeldet, nach einer Woche gab es schon fünf Kandidaten, die den Wahlkreis übernehmen wollten. So schnell geht das. Man darf sich selbst nicht wichtiger nehmen als man ist.

BENE: Sie treten ab in einer Zeit, in der geradlinige Politiker mehr denn je gebraucht werden, um Extremisten und Populisten die Stirn zu bieten. Wer taugt politisch noch zum Vorbild?

Bosbach: Populisten haben erstens dort eine Chance, wo Regierungen Probleme nur virtuos beschreiben, sie aber nicht lösen. Der zweite Punkt ist die Politikvermittlung: Mehr erklären, nicht ständig belehren! Die Entscheidung muss man dem Wähler überlassen. Und dann geht es natürlich um unser eigenes Verhalten als Politiker. Wenn wir uns skandalös verhalten, dann heißt es: So sind Politiker. Das nährt die Vorurteile gegen einen ganzen Stand.

BENE: Was ist also mit den Vorbildern?

Bosbach: Für viele ist die Bundeskanzlerin sicherlich ein Vorbild, auch weil sie völlig unprätentiös ist. Glanz und Glamour sind überhaupt nicht ihr Ding. Das macht sie sympathisch. Und wenn sie eines Tages kein politisches Amt mehr innehaben sollte, wird sie sicherlich nicht für Gazprom arbeiten, sondern sich in den Dienst einer guten Sache stellen. Da können sich die Leute sicher sein.

BENE: Aber ihr Satz „Wir schaffen das“ hat seine Vorbildfunktion verloren.

Bosbach: Der Satz als solcher ist mir sympathisch, wir müssen nur diesen Optimismus mit Realismus kombinieren. Machen wir uns doch bitte nichts vor: Wenn wir in den letzten zwei Jahren nicht das überragende ehrenamtliche Engagement gehabt hätten, dann wären die staatlichen Instanzen heillos überfordert gewesen. Auf diesen großen Zustrom von Flüchtlingen war das Land überhaupt nicht vorbereitet. Dieses ehrenamtliche Engagement ist aber ein Kompliment für unser Land. Das ist praktizierte Nächstenliebe. Aber wir müs-sen uns darüber im Klaren sein, dass wir das, was wir schaffen müssen, nicht alleine mit ehrenamtlichem Engagement schaffen können. Und deshalb hat es ja auch in den letzten Monaten umfangreiche Kurskorrekturen gegeben, einschließlich der Verabschiedung des Integrationsgesetzes.

BENE: Der Ton von öffentlichen und priva­ten Debatten ist so rau und teilweise ver­achtend geworden, dass man Zweifel an der Diskursfähigkeit mancher Zeitgenos­sen bekommt. Wo steuern wir hin?

Bosbach: Ja, der Ton ist rauer geworden. Das hat sicherlich auch mit der Enthemmung durch das Internet zu tun: Wer anonym oder mit Pseudonym unterwegs ist, formuliert gerne rustikal. Das Überraschende für mich ist aber: Beschimpfungen und Beleidigungen, die früher anonym kamen, werden jetzt mit Klarnamen verse­hen – nicht selten mit akademischen Titeln. Da gibt es Vokabeln, von denen ich bis dahin noch gar nicht wusste, dass die zum deutschen Sprachschatz gehören. Aber bei gut 10 000 Zuschriften pro Jahr ist das nur eine kleine Minderheit, die Mehrheit ver­hält sich völlig anders.

BENE: Zu Ihren vielen schriftlichen Kontakten kamen fünf bis zehn persönliche Gespräche täglich, unzählige Begegnungen. Würden Sie Ihre Gesprächspartner alle noch wiedererkennen?

Bosbach: Nie und nimmer! Und ich tue auch nicht so, als ob das der Fall wäre. Ich bitte dann darum, dass man mir sagt, wann und wo wir uns begegnet sind. Kürzlich sprach mich ein älterer Herr an. Er war ganz unglücklich, weil ich ihn nicht wiedererkannt hatte. Auf meine Nachfrage erklärte er mir: Unser Gespräch war 2005 …!

BENE: Aber es gibt sicher Menschen, die sich eingeprägt haben. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Bosbach: Es gab tatsächlich einmal eine Zufallsbegegnung mit Papst Johanes Paul II. Nach einer Papstmesse blieben wir noch im Petersdom, um uns alles im Detail anzuschauen. Und plötzlich sagte eine Stimme: „Ich höre, Sie kommen aus Deutschland!“ Auf Deutsch. Ich drehte mich um, und der Heilige Vater stand vor mir. Ich wusste überhaupt nicht, was ich tun sollte. Ich konnte ja schlecht die Hand ausstrecken und sagen: „Och, das ist aber nett, mein Name ist Bosbach, Bergisch Gladbach. Schön Sie kennenzulernen!“ Ich wollte mich auch nicht auf den Boden werfen und habe dann etwas unbeholfen versucht, den Ring zu küssen. Das war eine sehr schöne Begegnung, ein unglaublich emotionales Erlebnis. Dass der Papst sich so einfach unter die Gläubigen mischte, um sich mal privat zu unterhalten, das hat mich sehr beeindruckt. Viele Jahre später bin ich dann in Rom gewesen und in Erinnerung an diese Begegnung auch an seinem Grab.

BENE: Sie sind Christdemokrat. Welche Bedeutung hat das C in unserer heutigen Gesellschaft noch?

Bosbach: Das C muss für die CDU immer mehr sein als nur eine Marke. Unser Anspruch ist es ja, auf der Basis des christlichen Menschenbildes Politik zu machen. Ich bin in die CDU eingetreten, als es in den 1970er Jahren eine lebhafte politische Debatte um den Paragraphen 218 StGB gab. Der Lebensschutz ist für mich bis heute ein wichtiges Anliegen. Auch, dass wir bedrängten Menschen in Not helfen und vor Elend nicht die Augen verschließen. Allerdings in Kombination mit der Erkenntnis, dass wir nicht alle Probleme dieser Erde auf dem Boden der Bundesrepublik lösen können. Das ist leider so. Jeder weiß, dass es keine Höchstgrenze für die Aufnahme von Schutzbedürftigen gibt, aber jeder weiß auch, dass Deutschland keine unbegrenzte Integrationskraft hat. Die natürliche Obergrenze ist die Integrationskraft unseres Landes. Ich will die Zahl 200 000 nicht in ein Wahlprogramm aufnehmen, aber halte sie für realistisch.

BENE: Welche Rolle spielt der christliche Glaube in Ihrem Leben?

Bosbach: Glaubensfragen waren bei uns zuhause wichtig, schon weil meine evangelische Mutter einen katholischen Mann geheiratet hat. Mein Vater hat aber immer gesagt: „Katholischer als meine evangelische Frau hätte ich unsere Kinder auch nicht erziehen können!“ Ich war sehr früh in der katholischen Pfarrjugend aktiv, war Messdiener und Lektor, ich bin viel länger kirchlich engagiert als politisch. In meinem Elternhaus ging es um die Vermittlung von Werten und Haltungen. Da spielt die Nächstenliebe eine große Rolle. Ein Christ, der seinen Glauben ernst nimmt, trägt Verantwortung auch für die Gemeinschaft, für die, die ihm anvertraut sind und für die, die sich nicht selbst helfen können. Deswegen ist der Begriff des Seelsorgers eine wunderschöne Berufsbezeichnung, schö­ner als Priester oder Pfarrer. Darin steckt die Sorge um die Seele anderer Menschen.

BENE: Und wie wichtig ist Gott für Sie?

Bosbach: Ich habe zum lieben Gott ein gutes, gelegentlich ambivalentes Verhältnis. Bei zwei ernsthaften, chronischen Erkran­kungen habe ich mehr als einmal gedacht: „Musste das wirklich sein?“ Aber man sucht und findet in solchen Situationen auch immer Kraft und Trost im Glauben. Ich bin dem lieben Gott dankbar für drei gesunde, wunderbare Kinder. Das ist eine Gnade, für die man nicht selber sorgen kann. Auf die Idee, den lieben Gott zu kriti­sieren, bin ich jedenfalls noch nie gekom­men. Aber wenn man solche Diagnosen er­hält, dann fragt man sich schon: „Womit habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht?“ Man hört auch in sich selbst hinein: „Wäre der Krug an dir vorüberge­gangen, wenn du dich im Leben anders verhalten hättest?“ Mir hilft da eine kurze Zwischenbilanz: Ich habe im Leben so viel Glück gehabt, es wäre ein Wunder, wenn es nicht auch schlechte Momente gegeben hätte. Wunder sind aber eher selten.

BENE: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Bosbach: Ich bin ja so ein rheinischer Ka­tholik: Hier unten so leben, dass man oben so eben noch reinkommt! Nein, ich glaube nicht, dass mich Petrus am Himmelstor mustert und mich nur mit Rücksicht auf meine Eltern in den Himmel aufnimmt, oder dass ich vor einen älteren Herrn mit langem weißen Bart treten werde. Aber ich glaube fest daran, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und dass wir weiter le­ben in den Gedanken und Seelen unserer Lieben.

 

 

Das Interview ist Anfang Februar 2017 online beim BENE-Magazin erschienen.