"Ich habe als Vater viel zu viel verpasst. Das tut mir in der Seele weh"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Miriam Hollstein

Miriam Hollstein: Herr Bosbach, kann man als Spitzenpolitiker eine gute Ehe führen?

Wolfgang Bosbach: Warum nicht? Jedenfalls kenne ich keinen triftigen Grund, der dagegen spricht und es gibt dafür ja auch viele gute Beispiele.

Na ja, Bundestagsabgeordnete verbringen 22 Sitzungswochen pro Jahr fern der Heimat in Berlin. Selbst, wenn Sie zu Hause sind, sind Sie im Wahlkreis auf Terminen. Wo bleibt da Zeit fürs Familienleben?

Eine berechtigte Frage, die aber jede Kollegin, jeder Kollege individuell beantworten wird. Für unsere Familie war die eigentliche Zäsur der Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin im Jahr 2001. Schon als ich meine Frau kennenlernte, war ich ja politisch sehr aktiv. Sie wusste also, dass ich sehr häufig nicht zu Hause sein würde. Deswegen war es für die Familie auch keine große Umstellung, als ich in den Bundestag gewählt wurde. Solange er noch in Bonn war, konnte ich morgens mit der Familie frühstücken und danach zumindest ab und zu noch die Kinder zunächst in den Kindergarten und dann in die Schule fahren. Mit dem Umzug nach Berlin war das natürlich vorbei. Leider. In den Sitzungswochen fliege ich am Montagmorgen nach Berlin und komme erst Freitagabend oder manchmal auch erst samstags zurück.

Wie hat die Familie darauf reagiert?

Wenn der Papa nach einer Woche nach Hause kam, wollten die Kinder ihm natürlich alles erzählen, was sie in der Zwischenzeit erlebt hatten. Aber der Papa wollte oft zunächst nur seine Ruhe haben. Das hat oft zu Enttäuschungen geführt.

Sie haben drei erwachsene Töchter. Gibt es Momente, die Sie beim Aufwachsen verpasst haben?

Viel zu viel – und das tut mir heute in der Seele weh. Ich war nie bei einem Elternabend, habe mit meinen Töchtern nie an einem Sankt-Martins-Umzug teilgenommen, weil angeblich immer andere Termine und Verpflichtungen viel wichtiger waren als dieser Moment. Man redet sich Jahr für Jahr ein: Das kannst du immer noch nachholen, wenn du mehr Zeit hast. Aber die Wahrheit ist: Davon lässt sich nichts nachholen. Das ist die bittere Wahrheit.

Würden Sie es heute anders machen?

Ja! Ich hätte bei vielen Einladungen öfter nicht nur nein sagen können, sondern auch nein sagen müssen. Aber ich wollte keinen Veranstalter enttäuschen, mit der Folge, dass ich zu oft meine Familie enttäuscht habe.

Sie haben also lieber die Familie enttäuscht als die Bürger?

Ja, so muss man das wohl sehen. Wenn ich damals eine Veranstaltung abgesagt hätte und in der gleichen Zeit mit der Familie ins Kino gegangen wäre, hätte ich sofort ein schlechtes Gewissen gehabt. Heute habe ich umgekehrt ein schlechtes Gewissen, dass ich in den 22 Jahren als Bundestagsabgeordneter vielleicht nur drei oder vier Mal mit der ganzen Familie im Kino war, obwohl meine Töchter ausgesprochene Kino-Fans sind. Daher mein Rat: Wir Politiker sollten uns nicht wichtiger nehmen, als wir tatsächlich sind. Unsere Arbeit und unsere Verantwortung sind wichtig. Verantwortung haben wir aber nicht nur gegenüber unserem Land, auch und gerade gegenüber unseren Familien. Man muss nicht auf jedes Schützenfest gehen.

Ihre Töchter scheinen Ihnen aber verziehen zu haben. Sie haben offenbar ein gutes Verhältnis zu Ihnen.

Ja, wir haben wirklich ein tolles Verhältnis, und darüber bin ich sehr glücklich. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich in der wenigen freien Zeit und im Urlaub redlich darum bemüht habe, viel nachzuholen, was wir im Alltag verpasst haben.

Ihre Schwiegermutter wohnt bei Ihnen im Haus. Wie funktioniert das 3-Generationen-Modell?

Leider ist mein Schwiegervater vor 16 Jahren im Alter von nur 60 Jahren ganz plötzlich verstorben. Kurze Zeit später fragte mich meine Frau, ob ihre Mutter bei uns einziehen kann. Was soll man als braver Ehemann antworten, wenn die Ehefrau den Einzug der Schwiegermutter in Aussicht stellt, ohne die Ehe in Gefahr zu bringen? Und deshalb habe ich natürlich ja gesagt. Und das war eine sehr kluge Entscheidung! Meine Schwiegermutter und ich verstehen uns prima, wir sind wirklich beste Freunde. Und durch den Einzug hatte sie die Möglichkeit, meine Frau bei der Betreuung unserer Kinder zu entlasten, und das hat sie auch gern getan.

Tut die Politik genug für Familien?

Vergleicht man die familienpolitischen Leistungen des Jahres 2016 mit denen von 1996 oder 1976, wird man schnell feststellen, dass die staatlichen Angebote deutlich ausgeweitet wurden – aber natürlich könnte der Staat noch mehr tun. Das allerdings gilt auch für viele andere Politikbereiche, Nicht nur für die Familienpolitik.

Warum verändert das viele Geld nichts - zum Beispiel an der niedrigen Geburtenrate?

Wir sollten uns von dem Gedanken trennen, dass eine Ausweitung der staatlichen Leistungen rasch und automatisch zu einer höheren Kinderzahl führt. Es gibt Länder, in denen die Leistungen für Familien deutlich geringer sind als bei uns, aber sie haben dennoch eine höhere Geburtenrate. Für junge Familien ist es ganz wichtig, dass sie ein hohes Maß an Sicherheit und keine Zukunftsängste haben. Eine dauerhafte Anstellung in einem sozialversicherungspflichtigen, unbefristeten Beschäftigungsverhältnis gibt viel mehr Sicherheit als nur eine befristete Tätigkeit oder die Arbeit an einem bestimmten Projekt, wenn man nicht weiß, wie es danach weitergeht.

Hätten Sie sich auch ein Leben ohne Familie vorstellen können?

Nein, ein Leben ohne Kinder konnten und wollten wir uns nicht vorstellen. Wenn man mich fragen würde „Was war das Beste in deinem Leben?“, würde mir die Antwort nicht schwerfallen, und sie hätte nichts mit Politik zu tun. Das Beste in meinem Leben sind die Töchter Caroline, Natalie und Viktoria. Ich hätte mich auch über noch mehr Kinder gefreut, allerdings hätte meine Frau dann noch mehr Belastungen zu tragen gehabt als ohnehin schon. An der Erziehungsarbeit war ich zu maximal 5% beteiligt – und das ist schon eine großzügige Schätzung.

Wolfgang Bosbach serviert Sahnetorte. Wenn ihm eine Frage nicht passt, kann er schnelle lospoltern. Aber eigentlich ist er ein geduldiger, offener Interviewpartner.

Bundestagsabgeordnete führen ja faktisch ein Doppelleben. Wie groß ist da die Versuchung, auch privat ein Doppelleben zu führen?

Mag sein, dass sich da der eine oder andere den schönen Dingen des Lebens hingibt, ich persönlich habe dafür weder Zeit noch Lust. Wenn ich in Berlin nach 12 oder 13 Stunden die Bürotür hinter mir schließe, gehe ich in der Regel sofort in mein Hotel und falle müde ins Bett. Ab und zu gehe ich vorher noch einmal in den Fitnessraum oder in die Sauna, aber das kann man ja nicht als Doppelleben bezeichnen.

Politiker dürfen eigentlich keine Schwäche zeigen. Sie gehen sehr offen mit Ihrer Krebserkrankung um, haben sie ja selbst öffentlich gemacht.

Ja, weil sonst die Spekulationen wild ins Kraut geschossen wären. Als ich mich vor einiger Zeit einer Strahlentherapie unterziehen musste, habe ich dreißigmal – gemeinsam mit vielen anderen Patienten - im Wartezimmer des Radiologen gesessen. In dieser Zeit bin ich Tag für Tag gefragt worden, was denn los sei – was soll ich denn dann sagen? Und wenn ich bei einem Onkologen bin, dann nicht wegen Schluckbeschwerden. Bevor Spekulationen ins Kraut schießen, sage ich lieber selber was Sache ist. Dann weiß ich auch, dass es stimmt.

Zu Hause darf bei Ihnen nicht über den Krebs gesprochen werden. Haben Sie Angst, Schwäche zu zeigen?

Stimmt. Ich bin nur sehr selten zu Hause und wenn, dann möchte ich nicht, dass die familiäre Atmosphäre mit Gesprächen über meine Krankheit belastet wird. Aber wenn ich mich – wie vor wenigen Wochen – einer Operation unterziehen muss, dann sage ich der Familie natürlich auch den Grund.

Viele ältere Paare berichten, dass sie mit dem Eintritt in den Ruhestand erst einmal wieder lernen mussten, zusammenzuleben. Haben Sie da eine Strategie?

Es ist die größte Sorge meiner Frau, dass ich demnächst zu Hause den ganzen Tag herumlungere und den gut sortierten Haushalt durcheinander bringe. Aber die Sorge muss sie wirklich nicht haben. Auch hier ist mein Vater ein Vorbild. Bei Papa hatte ich nie das Gefühl, dass er im Ruhestand mit seiner Zeit nichts anzufangen wusste.

Hadern Sie manchmal damit, dass Sie nicht in die Geschichtsbücher eingehen werden?

Wer? Ich? Nein! Mir reicht es völlig aus, wenn die Leute eines Tages sagen: Er hat sein Bestes gegeben! Ich brauche kein Denkmal, keine Straße und erst recht keinen Eintrag im Geschichtsbuch.

 

 

Das Interview ist in der Bild am Sonntag am 20. November 2016 erschienen.