"Was für ein Dilemma!"

Eine Kolumne von Wolfgang Bosbach vom 20. April 2017

Bilder aus dem All zeigen uns die Erde als blauen Planeten, der im Universum friedlich seine Bahnen zieht.
Für viele Millionen ist sie jedoch nur ein Ort des Grauens. Sie erleben Tag für Tag die Hölle auf Erden. Sie fliehen vor Despoten, Krieg oder Bürgerkrieg und laufen um ihr Leben.

Für Millionen geht es nicht um Work-Life-Balance, für sie geht es nur darum zu überleben! Sie erfahren das Grauen nicht aus den Medien, sie erleben es ununterbrochen. Sie trauern um ihre Lieben, halten sterbende Kinder in ihren Armen.

Sie sind oft – viel zu oft – ohne jede Hoffnung auf Frieden, auf ein Leben wie wir es uns wünschen. Und sie sind Zeugen und Opfer von unvorstellbaren Kriegsverbrechen, die im Internetzeitalter niemandem verborgen bleiben können. Der jüngste Giftgasangriff in Syrien ist dabei nur ein – wenn auch ein besonders grausames – Beispiel.

Wir sind entsetzt. Wieder einmal. Wir fordern „die Politik“ auf, endlich zu handeln. „Das kann doch so nicht weitergehen!“ „Das muss doch mal ein Ende haben!“ „Aber bitte keine Gewalt! Unter keinen Umständen! Gewalt führt oft – viel zu oft – zu neuer Gewalt und dadurch wird die Lage nur noch kritischer.“

„Verhandeln! Wir brauchen endlich eine politische Lösung und deshalb mehr diplomatische Anstrengungen oder Sanktionen“ – obwohl die im Fall Syrien erst im Mai 2016 verlängert wurden. „Aber keine Gewalt.“ Wann hat Gewalt jemals zu einem Frieden geführt, der diesen Namen wirklich verdient? Solange verhandelt wird, schweigen die Waffen. Das ist die Hoffnung.

Wie aber ist die Realität, wenn eine Seite an ernsthaften Friedensverhandlungen überhaupt kein Interesse hat? Wenn diese Seite nicht auf Diplomatie und Politik vertraut, sondern auf die eigene militärische Überlegenheit?

Warum in Verhandlungen nachgeben – wird diese Seite denken –, wenn wir unser Ziel auch ohne Kompromiss durch Waffengewalt erreichen können? Koste es, was es wolle!

Auch wenn die eigene Bevölkerung dabei stirbt oder flieht. Was, wenn diese Seite genau weiß: Da sich uns niemand gewaltsam in den Weg stellen wird, werden wir die rücksichtslose, hemmungslose Unterdrückung unseres Volkes noch lange Zeit fortsetzen können, ohne Rücksicht auf Verluste und auf internationale Proteste.

Was, wenn der –in jeder Hinsicht nachvollziehbare – Appell auf Verzicht von Gewalt nur aus einer Richtung kommt und für die andere noch nie gegolten hat? Und auch nie gelten wird? Dann bleibt es bei dem täglichen Grauen, das uns seit Jahrzehnten begleitet.

Dann bleiben uns Proteste und Resolutionen, der Ruf nach Verhandlungen und Sanktionen und der Ruf nach einem Kriegsverbrechertribunal für die Verantwortlichen der Barbarei.

Alles verständlich. Aber gleichzeitig wird die Zahl der Opfer immer größer, Tag für Tag. Was für ein Dilemma!

 

 

 

 

Die Kolumne ist am 20.04.2017 auf bild.de erschienen.

 

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