"Mit Offenheit habe ich gute Erfahrungen gemacht"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Susanne Stemmler

Susanne Stemmler: Herr Bosbach, Sie sind (noch) ein vielbeschäftigter Politiker. Wie sieht Ihr Alltag zurzeit aus?

Wolfgang Bosbach: Im Moment nicht anders als in den letzten 22 Jahren während meiner Mitgliedschaft im Bundestag auch. Mit einer Ausnahme: Die Zahl der Zuschriften und Einladungen aller Art nimmt stetig zu. Zunächst hatte ich gedacht, jetzt wird es etwas ruhiger, aber das Gegenteil ist der Fall.

Sie wollen 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren und sich ins Privatleben zurückziehen. Die Öffentlichkeit wird Sie vermissen, Sie auch die Öffentlichkeit?

Puh, eine wirklich gute Frage. Wer freut sich nicht, wenn er eingeladen wird, wenn seine Meinung und politische Überzeugung gefragt ist? Sicherlich werde ich ab Oktober 2017 vieles vermissen, auch die öffentlichen Auftritte – die ich immer gerne absolviert habe.

Der Grund für Ihren Rückzug ist ja Ihre schwere Krankheit, mit der Sie sehr offen umgehen. Woher nehmen Sie diese Kraft?

Eine Krebserkrankung ist nichts, wofür man sich rechtfertigen oder entschuldigen müsste. Sie muss auch niemandem peinlich sein. Mit Offenheit und Klarheit habe ich in der Politik gute Erfahrungen gemacht. Dann will ich es in puncto Gesundheit auch so halten.

Wenn Sie gesundheitlich nicht ausgebremst wären, was hätten Sie politisch gern noch erreicht?

Eine Steuerreform, die diesen Namen wirklich verdient: einfacher, transparenter, gerechter. Wir haben auch im internationalen Vergleich ein unglaublich kompliziertes Steuerrecht. Da blicken selbst Fachleute nur mit Mühe durch. Und dieses Recht wird immer komplizierter.

Sie haben aus Ihrer Kritik an der eigenen Partei nie einen Hehl gemacht. Was hat sie zuletzt am meisten an der CDU geärgert?

Mit meiner Entscheidung, 2017 nicht erneut für den Deutschen Bundestag zu kandidieren, habe ich gleichzeitig beschlossen, mich nicht mehr zu ärgern. Allenfalls noch zu wundern. Zuletzt habe ich mich auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen beim Thema Staatsangehörigkeit und Doppelpass darüber gewundert, wie schwer sich die CDU heute damit tut, Beschlüsse zu fassen, die im Grunde nichts anderes beinhalten als Positionen, die wir über Jahrzehnte hinweg aus voller Überzeugung vertreten haben.

Sie haben sich wiederholt gegen den Flüchtlingskurs der Kanzlerin ausgesprochen. Was hätten Sie denn anders gemacht?

Für die Entscheidung, zur Vermeidung einer humanitären Katastrophe Anfang September 2015 die Flüchtlinge, die damals im Budapester Ostbahnhof zu Tausenden eingepfercht waren, nach Deutschland einreisen zu lassen, hatte ich stets Verständnis. Aber danach hätten wir wieder zur Anwendung des geltenden Rechtes zurückkehren müssen. Zur Vermeidung eines Kontrollverlustes, aber auch um eine gemeinsame europäische Lösung zu erreichen. Weil die Probleme immer größer wurden, hat es ja in der Folgezeit eine ganze Reihe von Kurskorrekturen gegeben, die alle richtig und wichtig waren.

Sie haben der CDU einen Linksrutsch vorgeworfen. Ist Ihre Partei schuld am Erstarken der AfD?

Die AfD erhält Zulauf aus allen politischen Lagern, nicht nur durch ehemalige Unionswähler. Allerdings verliert keine andere Partei so viele Wähler an die AfD wie die Union. Als Anti-Europa-Partei gestartet, war die AfD nach dem Austritt von Professor Lucke und Hans-Olaf Henkel in einer schwierigen Lage. Durch die Flüchtlingspolitik und ihre Folgen hat die Partei wieder Luft unter die Flügel bekommen. Leider. Die AfD wird jedoch von 80 Prozent ihrer Wähler nicht aus Überzeugung gewählt, sondern aus Protest gegenüber der Politik der etablierten Parteien. Je besser es uns gelingt, Probleme zu lösen, desto weniger Erfolgschancen wird die AfD in Zukunft haben.

Wird es Merkel 2017 noch einmal schaffen?

Ja! Weil sie parteiübergreifend und im In- und Ausland nach wie vor ein hohes Ansehen hat und viel Sympathie genießt. Jedenfalls weitaus mehr als alle potenziellen Herausforderer. Die allermeisten Regierungschefs in den Nachbarstaaten wären doch heilfroh, wenn sie die Zustimmungswerte von Angela Merkel hätten.

Irgendwie mangelt es in der Union an jungem Nachwuchs, oder haben Sie jemandem im Blick, der einmal Merkels Erbe antreten könnte?

Von wegen. CDU und CSU haben in ihren Reihen viele junge Leute mit einem beachtlichen politischen Potenzial. Aber ich möchte noch nicht einmal den Eindruck erwecken, als sei ich so eine Art Prophet für steile politische Karrieren. Auf die Idee, öffentlich zu verkünden, dass beispielsweise Jens Spahn oder Carsten Linnemann Nachwuchskräfte mit glänzenden Karrierechancensind, käme ich wirklich nicht…

Ist die Große Koalition am Ende, oder können Sie sich Schwarz-Rot noch weitere vier Jahre vorstellen?

Vorstellen ja, aber diese Vorstellung ist nicht besonders erfreulich. Große Koalitionen sollten die Ausnahme sein, nicht die Regel.

Welches Regierungsbündnis wäre für Sie sonst noch denkbar?

Die größten politischen Schnittmengen gibt es – nach wie vor – mit der FDP. Ob es jedoch erneut für eine schwarz-gelbe Koalition nicht nur politisch, sondern auch rechnerisch reicht, darüber entscheiden alleine die Wählerinnen und Wähler.

Sie haben mehrfach angeprangert, dass sich die Bürger nicht mehr repräsentiert fühlten. Wie muss sich die Politik ändern, damit sie das Vertrauen zurückerlangt?

Leider ist es tatsächlich so, dass in den letzten Jahren die Distanz zwischen den Wählern und den Gewählten größer geworden ist. Entscheidend ist die Rückgewinnung von enttäuschtem Vertrauen. Wichtig hierfür ist die Übereinstimmung von Wort und Tat. Es darf nach der Wahl nichts anderes gelten als vor der Wahl. Und Parteien dürfen Probleme nicht nur ansprechen, sie müssen gleichzeitig praxistaugliche Lösungsvorschläge unterbreiten.

Sie waren im rheinischen Karneval aktiv. Wie hat Ihnen das in der Politik geholfen?

Ein besseres Training für die freie Rede ist jedenfalls im Rheinland kaum vorstellbar – und das gilt auch für die Begegnung und das Gespräch mit Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung. Egal ob Karneval, Handel oder Politik: Erfolg hat man nur, wenn man die Menschen mag. In ihrer ganzen Unterschiedlichkeit und mit allen Temperamentsunterschieden.

Vor Ihrem Jurastudium haben Sie eine Lehre im Einzelhandel gemacht und anschließend einen Lebensmittelladen geführt. Ist das auch mit der Grund für Ihre Bodenständigkeit?

Unabhängig von Beruf und Studium: Ich weiß, wo ich herkomme, ich weiß, wo ich hingehöre. Ich bin nun wirklich kein Weltenbummler. Ich bin im Bergischen Land geboren, aufgewachsen, lebe dort immer noch, und eines Tages werde ich in meiner Heimat auch die Augen schließen.

Woher rührt eigentlich Ihre Freude an Talkshows? Hat das auch etwas mit Ihrer Karnevalsaffinität zu tun? Da braucht man ja auch das Zeug zur – bitte entschuldigen Sie – Rampensau.

Es gibt Dinge, an denen ich noch mehr Freude habe, aber Sie haben mit Ihrer Vermutung dennoch Recht. Warum? Weil es keine bessere Möglichkeit gibt, in relativ kurzer Zeit eine so hohe Zahl von Menschen zu erreichen, um für die eigene politische Überzeugung zu werben.

Sie saßen unlängst bei „Anne Will“ neben einer vollverschleierten Muslima. Wie ging es Ihnen dabei?

Die schwierigste Übung bestand darin, ganz ruhig zu bleiben und weiter sachlich zu argumentieren. Viele haben mich nach der Sendung gefragt, warum ich nicht einfach aufgestanden und gegangen bin. Aber das wäre keine gute Idee gewesen. Welchen Sinn hätte es denn haben sollen, den kruden, ja sogar gefährlichen Thesen der verschleierten Dame nicht zu widersprechen? Allerdings gebe ich zu: Vollverschleierung und TV ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Allerdings würde Vollverschleierung im Radio auch nicht auffallen.

Ihre hochbetagten Eltern verfolgen Ihre Medienpräsenz akribisch. Ihre Mutter soll 25 Leitzordner mit ausgeschnittenen Artikeln über Siegesammelt haben . . .

Leider ist mein Papa Anfang des Jahres mit 93 verstorben. Die ganze Arbeit macht jetzt meine Mama –und nach wie vor mit großem Vergnügen. Inzwischen sind es 31 Ordnergeworden, mit weit über 20000 Artikeln. Als meine Eltern 1994 mit dem Hobby begonnen haben, konnten sie ja noch nicht ahnen, was da alles an Arbeit auf sie zukommen würde. Aber in einem Jahr ist Mama ja erlöst. Jedenfalls geht sie davon aus.

Was bedeutet Familie für Sie?

Liebe, Geborgenheit, Vertrauen, Heimat – und nicht zuletzt politikfreie Zone.

 

 

 

Das Interview ist am 2. Januar 2017 in der Nürnberger Zeitung erschienen.