"Wer ausrastet oder den Saal verlässt, hat verloren"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Ulf Lüdeke.


Ulf Lüdeke: Herr Bosbach, Sie sind schon in vielen Talkshows zu Gast gewesen. Haben Sie einen solchen TV-Auftritt wie jenen zur muslimischen Radikalisierung bei Anne Will schon mal erlebt?

Wolfgang Bosbach: Leider muss ich Ihnen auf diese Frage die klassische Politikerantwort geben: Jein! Ich kann mich zwar noch daran erinnern, dass vor einigen Jahren bei Günther Jauch ein, naja, sagen wir einmal sehr redseliger Imam zu Gast war, der erstaunliche Thesen vertreten hat – aber diese Form der Werbung für muslimische Radikalisierung habe ich noch in keiner Talk-Show erlebt. Das war jedenfalls für mich eine Premiere, wahrscheinlich auch für das deutsche Fernsehen.

Wie haben Sie die Sendung empfunden?

 Zum einen war ich wirklich froh, dass Ahmad Mansour mit von der Partie war. Er kann ja klare Kante zeigen, ohne dass man ihm sofort den Vorwurf Islamophobie an den Kopf wirft. Zum anderen musste ich mir in der Sendung mehr als einmal zuflüstern: „Ruhig bleiben, nur nicht aus der Haut fahren!“ – Denn wer ausrastet oder gar den Saal verlässt, hat schon verloren. Deswegen habe ich mich darum bemüht, argumentativ dagegen zu halten, obwohl das in der Hitze des Gefechtes nicht ganz einfach war.

Was war das für ein Gefühl, mit einer vollverschleierten jungen Frau zu debattieren?

Es war schon deshalb ein merkwürdiges Gefühl, weil ja eigentlich – jedenfalls nach meinem Verständnis – zu einem wirklich offenen Gespräch auch die Erkennbarkeit des Gegenübers gehört, in diesem Falle von Frau Illi. Es kommt doch nicht nur auf die gesprochenen Worte an, es kommt doch auch auf die gesamte Persönlichkeit an, auch auf Mimik und Gestik. Anders formuliert: Ich würde schon gerne wissen, mit wem ich diskutiere, aber die Gäste selber haben keinen Einfluss auf die Auswahl der Gesprächsrunde.

Hatten Sie Gelegenheit, vor oder nach der Sendung hinter den Kulissen mit ihr noch mal zu sprechen?

Weder vor noch nach der Sendung. Ich bin erst kurz vor Sendebeginn im Studio eingetroffen und nach der Sendung habe ich lange mit dem Redaktionsleiter Andreas Schneider gesprochen, den ich schon seit vielen Jahren kenne und sowohl persönlich als auch fachlich sehr schätze. Er hat mir ausführlich die Beweggründe für die Einladung von Frau Illi geschildert und auch erklärt, warum der umstrittene Internetauftritt eingeblendet wurde und ich habe mich redlich darum bemüht, die Beweggründe der Redaktion zu verstehen.

Sie selber haben noch in der Sendung von Anne Will kritisiert, dass ein öffentlicher TV-Sender Illis Ideologien einen so breiten Raum gibt. Dürfen solchen Personen überhaupt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten?

Gute Frage! Natürlich „dürfen“ solche Personen eingeladen werden, jedenfalls kenne ich keine rechtliche Vorschrift, die dies verbietet. Die Frage ist nur, ob man das Ziel erreichen kann, was man durch die Einladung in eine solche Gesprächsrunde gerne erreichen möchte. Zweifel sind angebracht. In der Kürze der Zeit ist es kaum möglich, über die ebenso wichtigen wie aktuellen Themen so ausführlich zu sprechen, wie dies angesichts der Dramatik der Thematik eigentlich notwendig wäre. Das allerdings gilt nicht nur für Themen wie Islam, Scharia und IS-Ideologie und IS-Terror, das gilt für andere politische Themen auch.

Vielleicht denken die Verantwortlichen im Fernsehen auch einmal in Ruhe darüber nach, ob es eigentlich sinnvoll und plausibel ist, Vollverschleierte im Fernsehen auftreten zu lassen, denn jedenfalls die überwältigende Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer möchte wissen, wie die Person aussieht, die gerade spricht. Man interessiert sich nicht nur für das gesprochene Wort, auch für Mimik und Gestik. Anne Will wird ja im Fernsehen übertragen und nicht im Radio.

War es ein Fehler von der ARD, Illi überhaupt einzuladen – und ihr damit Gelegenheit zu geben, ihre Theorien vor einem Millionenpublikum zu propagieren?

Über diese Frage wird man jetzt ganz bestimmt in den zuständigen Gremien intensiv diskutieren, die Redaktion wird ihre Entscheidung sicherlich verteidigen, so wie dies der Redaktionsleiter auch mir gegenüber getan hat. Vielleicht war nicht die Einladung selber das größte Problem, sondern die mangelnde Gelegenheit, sich so ausführlich mit den kruden Thesen der Dame auseinanderzusetzen, wie dies eigentlich notwendig gewesen wäre.

Wie empfanden Sie die Gesprächsleitung von Anne Will? Hätte Sie den Äußerungen von Frau Illi mehr entgegensetzen sollen?

Anne Will kann ich nun wirklich keinen Vorwurf machen, sie hat sich redlich darum bemüht, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen. Natürlich hätte sie Frau Illi auch argumentativ etwas härter begegnen können, aber dafür gab es ja die anderen Gesprächsteilnehmer und vielleicht wollte sie ganz einfach höflich bleiben – und dafür hätte ich sogar Verständnis. Ich wäre auch gerne aus der Haut gefahren und hätte noch mehr Tacheles geredet, aber wer ausrastet oder gar den Raum verlässt, hat schon verloren.

 

 

 

 

Das Interview ist am 7.11.2016 bei FOCUS online erschienen.