"Mein besonderer Respekt gilt denen, die sich täglich für andere aufopfern"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Thorsten Müller.

Thorsten Müller: Wann haben Sie zum ersten Mal gewusst, Politiker zu werden?

Wolfgang Bosbach: Da muss man unterscheiden zwischen meinem kommunalpolitischen Engagement und dem Wunsch, für den Bundestag zu kandidieren. Ich bin 1972 in meiner Heimatstadt Bergisch Gladbach zunächst Mitglied der Jungen Union und später auch der CDU geworden. Die politische Arbeit hat mich schon sehr früh interessiert und fasziniert. Bereits 1975 habe ich für den Kreistag kandidiert und bin auch gewählt worden. Von 1979 bis 1999 war ich Mitglied des Rates der Stadt Bergisch Gladbach. Vielleicht wäre ich das heute noch, wenn der Bundestag nicht von Bonn nach Berlin umgezogen wäre.

Beruflich hatte ich erst sehr spät den Wunsch, Jura zu studieren. Dazu musste ich aber erst einmal das Abitur nachholen und in dieser Zeit und später im Studium parallel arbeiten gehen. In dieser Zeit habe ich als Assistent für unseren Abgeordneten gearbeitet und dadurch ist nach und nach der Wunsch gewachsen, später selbst Berufspolitiker zu werden. Ich wollte mich allerdings nie von der Politik wirtschaftlich abhängig machen und deshalb habe ich über all die Jahre hinweg auch noch meinen Beruf als Rechtsanwalt ausgeübt - wenn auch nur in sehr reduzierter Form. Ein bestimmtes Ereignis als Auslöser für meine politische Laufbahn gab es bei mir nicht, ich hatte kein sogenanntes „Damaskus“-Erlebnis. Ich glaube, dass jeder Fußballer, der in der Kreisliga spielt, nachvollziehen kann, dass er, wenn er einmal die Möglichkeit bekommt, in der Bundesliga zu kicken, auch beherzt zugreifen würde.

Was glauben Sie, wie respektvoll wird der Bundestagswahlkampf verlaufen – nach den schlimmen Erfahrungen in den USA?

Ich kann nur hoffen, dass wir bei aller Notwendigkeit der klaren, auch gelegentlich harten politischen Auseinandersetzung, immer oberhalb der Gürtellinie bleiben. Ich fühle mich ja schon persönlich gekränkt, wenn behauptet wird, Donald Trump sei gewählt worden, weil er Klartext spricht.
Das sehe ich völlig anders: Hetze gegen Minderheiten, Machogehabe gegenüber Frauen, sexistische Sprüche haben nichts mit Klartext zu tun – und mit Respekt und Anstand erst recht nicht!

Haben Sie mit den eindrucksvollen Anfangs-Umfragewerten von Martin Schulz gerechnet und was glauben Sie, was wird Merkels Strategie sein, diese nicht weiter wachsen zu lassen?

Wenn die SPD jetzt mal ein paar Tage lang gut gelaunt ist, sollte es für die Union kein Grund sein, schlecht gelaunt zu sein. Der Kölner sagt: Mer muss auch jönne künne. Die Erleichterung bei den Sozialdemokraten, dass Sigmar Gabriel nicht antritt, ist so groß, dass die jetzt plötzlich lustig sind. Das wird sich aber auch wieder ändern. Es wird nicht lange dauern, da werden Journalisten kommen und Herrn Schulz fragen, wie genau er denn eigentlich seine Ziele erreichen will? Er muss dann Farbe bekennen. Da bin ich mal sehr gespannt auf seine Antworten und die dann daraus sich ableitenden Umfragewerte.

Angela Merkel ist in diesem Wahlkampf nicht unser einziges, aber unser bestes Argument. Der Wahlkampf selber wird inhaltlich sicherlich stark vom Thema Sicherheit geprägt werden. Damit meine ich nicht nur das klassische Feld der inneren und äußeren, sondern auch der sozialen Sicherheit. Ich glaube, dass gerade in diesen unruhigen Zeiten die große internationale Erfahrung Angela Merkels ein starkes Gewicht bekommt und dies meine Partei im Wahlkampf auch betonen wird. Der Respekt und die Anerkennung, die sie im Ausland genießt, ist außerordentlich hoch und dies hilft den Interessen Deutschlands in der Welt Geltung zu verschaffen.

Was wäre für Sie ein respektables Bundestagswahl-Ergebnis Ihrer Partei CDU?

Man soll der Gnade des Herrn keine Grenzen setzen, aber die absolute Mehrheit wird meine Partei wohl nicht bekommen. Die Messlatte muss unser letztes Ergebnis sein. Also um die 40 Prozent. Aber ich weiß auch, wie schwer es wird, dieses Ergebnis wieder zu erreichen. Das lag ja nicht nur an unserer eigenen Leistung, sondern auch an dem dramatischen Absturz der FDP.

Wem oder was gilt Ihr persönlich größter Respekt?

Meine Bewunderung gilt nicht nur denen, die überragende Leistungen erbringen – also nicht den Olympiasiegern und Nobelpreisträgern, sondern gerade jenen, die sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit Tag für Tag für Andere aufopfern. Ich habe es selbst bei meiner Mutter gesehen, die ihre Schwiegermutter viele Jahre gepflegt hat und auf vieles verzichten musste, ohne ein einziges Mal zu klagen.

Welche politischen Persönlichkeiten respektieren Sie rückblickend und aktuell am meisten?

Da möchte ich drei Namen nennen: zuerst Franz Heinrich Krey, meinen Vorgänger im Amt des Bundestagsabgeordneten meines Wahlkreises, den er 18 Jahre lang hervorragend repräsentiert hat. Ich habe nie jemanden erlebt, der so bürgernah war wie er. Dann Helmut Kohl, insbesondere sein beherztes Zugreifen bei der Chance zur deutschen Wiedervereinigung. Aber auch Angela Merkel, weil ich bewundere, wie bodenständig und unprätentiös sie bei ihrer Karriere zur vielzitierten „mächtigsten Frau der Welt“ geblieben ist.

Kann man Respekt eigentlich auch lernen?

Eigentlich sollte der anerzogen oder am besten ganz selbstverständlich sein. Als Lehrfach in der Schule kommt das nicht in Frage. Aber eine eindrucksvolle Leistung Anderer, vor der man Achtung hat oder die man gar bewundert, kann einen diesbezüglichen Lernprozess forcieren.

Sie haben eine Vergangenheit im Einzelhandelsbusiness. Erzählen Sie uns etwas darüber.

Das ist kein Mysterium, denn mein Vater hatte schon 1936 im Einzelhandel angefangen, bevor er dann Soldat geworden und 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist. Dann hat er in die Zentrale der Konsumgenossenschaft Köln eG gewechselt und wurde dort zunächst Ausbildungs- und später Personalleiter. Damals waren Lehrlinge rar und wurden händeringend gesucht. So hat mein Vater mich irgendwann gefragt, ob das denn nicht auch was für mich wäre. Ich habe daraufhin 1968 eine Ausbildung begonnen. Dank meiner Mittleren Reife hatte ich eine verkürzte Lehrzeit und konnte schon früh als Substitut arbeiten. Dann ging es für mich auf der Karriereleiter zügig nach oben, so dass ich schon ein Jahr später für einen der größten Lebensmittelmärkte des Unternehmens verantwortlich war. Witzigerweise genau in jener Filiale, in der ich schon während meiner Lehre gearbeitet hatte. Ich konnte mich darum noch gut erinnern, wer den Lehrling Bosbach gut behandelt hatte und wer ihm damals jeden Abend um 18.30 Uhr den Besen in die Hand gedrückt hatte. Heute ist in der Immobilie eine Filiale der Drogeriekette Rossmann untergebracht.

Wie sieht eigentlich Ihr persönliches Einkaufsverhalten aus?

Das Interesse am Lebensmitteleinzelhandel ist bis heute geblieben. Ich glaube, ich gehe noch heute häufiger Lebensmittel kaufen als meine Frau oder meine drei Töchter. Die kennen sich bei Zalando und Co. bestens aus, aber keiner bei Lebensmitteln wie der Papa. Ich gehe sicherlich ein- bis zweimal pro Woche einkaufen. Meist bei mir im Heimatort, aber auch zwischendurch mal in einem Lebensmittelmarkt am Flughafen. Und im Urlaub. Als wir ein Ferienhaus in Frankreich gemietet hatten, war ich gerne in einem Carrefour-Markt einkaufen und konnte dort staunen, wie teuer dort die Produkte im Vergleich zu Deutschland sind.

Was halten Sie von Flächenbeschränkungen für den stationären Handel?

Schon zu meiner Zeit als Lokalpolitiker hat man schon versucht alles zu reglementieren. In Innenstädten befindet man sich immer im Konflikt zwischen nicht zu groß und zu viel, aber auch nicht zu klein und attraktiv mit möglichst viel Frequenz. Und: Das Neue darf das Alte nicht gefährden. Das ist oft die Quadratur des Kreises.

Und wie bewerten Sie die (rechtliche) Fairness zwischen Online- und Offline-Handel?

Die Klagen der stationären Anbieter nehmen immer mehr zu, und das über die unterschiedlichen Handelsbranchen hinweg. Oft ist es sogar so, dass der Kunde etwas stationär aussucht und sich beraten lässt, aber dann im Internet kauft. Das aber kann der Gesetzgeber nicht ändern. Wir können die Zeit nicht zurückdrehen. Es gibt ja auch Umstände, bei denen der stationäre Handel im Vorteil ist. Beratung ist im Geschäft wesentlich besser möglich als online. Nur muss es, wenn es ein wirklicher Vorteil für den Laden vor Ort sein soll, auch eine qualifizierte und individuell zugeschnittene Beratung sein. Lassen wir mal Produkte aus, die nicht so beratungsintensiv sind – wie Butter, Zucker oder Mehl. Doch wenn ein Kunde fragt: was ist der Unterschied zwischen dieser Flasche Wein zu 5 Euro und der anderen zu 20 Euro? Dann darf die Antwort nicht „15 Euro“ lauten.

Da spielen Sie doch auf einen Witz an.

Richtig. Auf einen, der gern über Rechtsanwälte erzählt wird. Da schreit jemand aus einem Heißluftballon, der gerade über Land fährt (bekanntlich nicht fliegt) und gerade ein wenig unorientiert ist, nach unten: „Hallo Herr Landmann, wo genau bin ich denn hier?“ Und die Antwort des Mannes kommt prompt: „In einem Heißluftballon“. Denkt der Fahrer des Heißluftballons: „Der da unten kann doch kein Bauer sein, das ist ein Jurist – seine Antwort war schnell, völlig korrekt, aber nicht zu gebrauchen!“

Sie zählen ja, was die Teilnahmezahl angeht, zu Deutschlands Talkshow-Königen. An welche Veranstaltung denken Sie am stärksten zurück?

Es war eine Sendung bei Sabine Christiansen mit einer äußerst hohen Publikumsresonanz. Ich hatte damals danach wochenlang gedacht, ich bin im falschen Film. Es ging um die Entführung des jungen Jakob von Metzler und um angebliche Folter der Polizei, um das Versteck des entführten …herauszubekommen. Ich stellte mich damals auf die Seite der Polizei, denn es ging juristisch betrachtet nicht darum, dem Täter ein Geständnis zu entlocken, sondern den Aufenthaltsort des Täters zu ermitteln, um das Leben des Entführten zu retten. Ich bekam Reaktionen wie verrückt. Die eine Zuschauergruppe bestärkte, die andere beschimpfte mich als Folterknecht. In dieser Größenordnung habe ich später nichts Vergleichbares mehr erlebt.

Fühlen Sie sich selbst eigentlich ausreichend respektiert?

Uneingeschränkt ja. Ein Mysterium muss ich unbedingt noch auflösen. Aus Umfragen wissen wir: 80 Prozent der Bevölkerung findet Politiker eher doof, aber 90 Prozent freuen sich, wenn sie einen sehen. Ich hatte in den vielen Jahren viele tausend tolle Begegnungen mit Menschen, aber lediglich eine Handvoll unangenehme.

Welchen Wunsch möchten Sie sich, jetzt nach Beendigung ihrer politischen Laufbahn, noch in Ihrem Leben erfüllen?

Ich werde immer auf meinen Masterplan nach dem Ende der Wahlperiode gefragt. Der erste Plan ist, nicht mehr so viele Pläne zu machen. Eins kann ich schon heute sagen: Am 25. September, wenn alles vorbei ist, werde ich erst einmal ausschlafen. Und ich habe vor einigen Wochen, erstmals seit ich Mitglied des Deutschen Bundestags bin, einen zweiwöchigen Urlaub gemacht. Eine Kreuzfahrt zum anderen Ende der Welt, die einfach nur traumhaft war. Ich habe durch meinen stressigen Job, mit jährlich rund 600 Veranstaltungen noch nicht sehr viel von der Welt gesehen und das möchte ich in der kommenden Zeit gerne nachholen.

Was sind die drei Dinge, die Sie zu dem gemacht haben, was Sie heute sind?

Erstens ganz sicher meine Erziehung. Einige der wichtigsten Appelle habe ich noch genau im Ohr: „Keine halben Sachen machen“, „Was du anfängst, musst du auch zu Ende bringen“, „Versuche stets, niemanden zu enttäuschen“ und „Was du versprichst, musst du auch halten!“

Zweitens: Ohne Fleiß kein Preis! Ich bin jetzt 42 Jahren in politischen Ämtern aktiv. Eigentlich könnte man sagen, dass ich alles, was ich fürs Leben und die Arbeit benötige, längst weiß. Aber in Wirklichkeit stelle ich fest, dass ich auch nach drei Examina heute noch jeden Tag dazulerne – und das auch weiter so möchte.

Drittens: So wichtig es auch ist, eine feste Meinung zu besitzen – man muss auch Ahnung haben! Ich scheue mich auch bei Interviewfragen nicht davor zu sagen, dass das nicht mein Thema ist oder ich die Antwort schlichtweg nicht weiß. Mensch, da vergibt man sich doch nichts! Wenn ich mich sachlich nicht trittsicher fühle, lehne ich auch Journalistengespräche und Talkshow-Anfragen ab oder sage ganz einfach, „ich weiß es leider nicht.“

Wenn ich mich aber äußere, dann soll das stets auch mit Zahlen, Daten, Fakten, also mit guter Sachkenntnis, verbunden sein.

Und was sind die wichtigsten Dinge, die Sie in den nächsten drei Tagen noch machen wollen?

Das kann ich gleich auf acht Tage erhöhen, denn da werde ich fast ausschließlich im Karneval unterwegs sein (Anmerkung der Redaktion: Das Interview erfolgte am 16. Februar). Ich bin als Rheinländer ein leidenschaftlicher Jeck und ziehe von einer närrischen Sitzung zur nächsten. Allerdings werde ich Rosenmontag – was eine absolute Ausnahme darstellt – nicht in Köln sein, da ich in Kitzingen eine hohe Auszeichnung – den Schlappmaulorden – verliehen bekomme.

Wem möchten Sie an dieser Stelle rückblickend mal einen besonderen Dank aussprechen?

Wenn ich einen politischen Verdienstorden verleihen könnte, dann an Wolfgang Schäuble, der sich in allen Staatsämtern herausragend bewährt hat, der ja trotz seins erheblichen Handicaps nie aufgegeben hat und der noch einmal für den Deutschen Bundestag kandidieren wird. Ihm gilt mein ganzer Respekt für seine Lebensleistung.

Was werden Sie mit Blick auf Ihre politische Arbeit am meisten vermissen?

In dieser Reihenfolge: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem Abgeordnetenbüro, weil sie wirklich großartig sind und ich mich immer auf sie verlassen konnte. Gerade nach dem Umzug von Bonn nach Berlin. Da konnte der der Chef ja nicht mehr jeden Moment überraschend auf der Matte stehen. In Berlin ist das etwas anderes ...

Aber auch viele politische Kolleginnen und Kollegen – nicht nur aus meiner eigenen Partei und natürlich viele leidenschaftliche Debatten über wichtige politische Fragen mit dem Gefühl, dass man selber etwas beeinflussen, etwas verändern kann.

Welches ist Ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für die Menschheit in den nächsten zehn Jahren?

Neben der Flüchtlingsproblematik, die uns in den nächsten Jahren weiter begleiten wird, weil der Satz „Wir müssen die Flüchtlingsursachen bekämpfen“ wesentlich leichter ausgesprochen, als in der politischen Praxis umgesetzt ist, wird es der Übergang von der Industrie zur Wissensgesellschaft sein. Bildung und Forschung werden in Zukunft einen noch höheren Stellenwert bekommen müssen, als in der Vergangenheit. In den traditionellen Industrien ist Deutschland immer noch stark, aber die neuen entstehen am anderen Ende der Welt, insbesondere in Kalifornien. Die beiden teuersten börsennotierten Unternehmen der Welt sind Apple und Alphabet. Da müssen wir uns schon fragen: Warum haben wir hier den Anschluss verloren, obwohl der Computer nicht von Bill Gates erfunden wurde, sondern von Konrad Zuse?

 

 

 

 

Das Interview ist im Januar 2017 im German Council Magazin, Aussgabe 01/2017, erschienen.