"Mein wichtigster Plan? Nicht mehr so viele Pläne machen."

Wolfgang Bosbach im Interview mit focus.de.

1. Wie lange waren Sie Bundestagsabgeordneter und in welchem Wahlkreis?
Von 1994 bis einschließlich 2017. Mein Wahlkreis war stets der Rheinisch-Bergische Kreis (NRW).


2. Was hat Sie bewogen, 2017 nicht mehr für einen Sitz im Bundestag zu kandidieren?
Eine Mischung aus politischen, aber auch persönlichen, ganz privaten Gründen. Ich habe schon vor einigen Jahren gesagt, dass ich nicht auf Dauer „die Kuh sein will, die quer im Stall steht“. Es ist mir immer schwergefallen, bei wichtigen politischen Themen gegen eine Mehrheit der Fraktion zu stimmen, aber noch schwerer würde es mir fallen, meiner politischen Überzeugung untreu zu werden. Außerdem werde ich in diesem Jahr 65 Jahre alt und bin nicht der Fitteste und wenn die Kraft nachlässt, sollte man sich gut überlegen, wofür man sie in Zukunft investiert.


3. Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Bundestag?
Mein wichtigster Plan ist: Nicht mehr so viele Pläne zu machen wie in den letzten 23 Jahren. Ich werde sicherlich wieder verstärkt als Rechtsanwalt tätig sein, aber ich möchte auch mehr Zeit für die Familie, Freunde und Hobbys haben. Außerdem habe ich noch nicht viel von der Welt gesehen. Alexander von Humboldt hat einmal gesagt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche sich die Welt nie angeschaut haben“ – an dieser Stelle habe ich noch Nachholbedarf. Ich möchte in Zukunft nicht nichts tun, freue mich auf neue Herausforderungen, aber ich möchte auch nicht von einem Hamsterrad in das andere Hamsterrad umsteigen.


4. Was werden Sie vermissen, wenn Sie nicht mehr Bundestagsabgeordneter sind?
Am meisten meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Berlin und in meinem Wahlkreisbüro in Bergisch Gladbach, die mir in diesen 23 Jahren wirklich ans Herz gewachsen sind. Dasselbe gilt für viele Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Bundestages, die in den letzten Jahren zu wirklichen Freunden geworden sind. Nicht vermissen werde ich die endlosen Debatten, bei denen man schon nach wenigen Minuten das sichere Gefühl bekommt: „Das wird heute sowieso nichts mehr.“


5. Welcher Moment, welche Rede, welches Ereignis im Parlament ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Viele Ereignisse der letzten 23 Jahre werden wohl auf Dauer in meiner Erinnerung bleiben, aber in ganz besonderer Erinnerung werden die dramatischen Ereignisse vom 11. September 2001 bleiben – und ihre politischen Folgen, national und international. In der Folgezeit haben wir, im wahrsten Sinne des Wortes, aus Notwendigkeit, eine ganze Fülle von organisatorischen und gesetzgeberischen Maßnahmen getroffen, um Deutschland beim Kampf gegen den internationalen Terror sicherer zu machen, aber trotz aller Anstrengungen auf diesem Gebiet haben wir Maß und Mitte nie verloren und sind stets dem Grundsatz gefolgt: So viel Freiheit, so viel Sicherheit wie möglich.


6. Welche Entscheidung fiel Ihnen am schwersten?
Mein erstes „Nein“ gegen weitere sogenannte Rettungspakete für Griechenland. Dem ersten Hilfspaket hatte ich ja noch zugestimmt, weil ich damals der Zusage vertraut habe, dass sich Griechenland so rasch und so nachhaltig reformieren könnte und auch reformieren würde, dass das Land in der Lage sei, aus eigenen Kräften wieder an die Finanzmärkte zurückzukehren – aber diese Hoffnung hat sich schnell als trügerisch erwiesen. Daher konnte ich weiteren Rettungspaketen nicht mehr zustimmen. Aber mir war natürlich klar, dass mein „Nein“ sowohl für die CDU/CSU-Bundestagsfraktion als auch für die damalige Bundesregierung ein echtes Problem darstellen würde – denn es gab zwar an einer parlamentarischen Mehrheit überhaupt keinen Zweifel, aber die Öffentlichkeit hat darauf geachtet, ob die Regierung eine eigene Mehrheit haben würde.


7. Gibt es eine Entscheidung, die Sie heute bereuen?
Nein.


8. Welchen Fehler würden Sie heute nicht mehr machen?
Heute würde ich auf keinen Fall mehr nach Büroschluss Arbeit oder Akten stapelweise mit nach Hause oder mit ins Hotelzimmer nehmen und daran bis tief in die Nacht zu arbeiten. Nach zwölf oder 14 Stunden werden die allermeisten – jedenfalls ich – müde und unkonzentriert, dann hat die eigene Leistung nicht mehr die Qualität, die sie eigentlich haben müsste – und „morgen ist auch noch ein Tag!“ Zugegeben, das ist eine Plattitüde – aber der Satz stimmt tatsächlich. Und: Wir Politiker sollten uns nicht wichtiger nehmen als wir tatsächlich sind. Unsere Verantwortung ist wichtig, unsere Arbeit ist wichtig – aber wir selbst sind es nicht. Diejenigen, die nach uns kommen, werden es genauso gut machen wie wir. Mindestens!

Das Interview wurde am 24.06.2017 auf www.focus.de veröffentlicht.