"Viele in der Union fühlen sich düpiert"
Nach ihrem Vorstoß in der Bundespräsidentenfrage müsse die FDP damit rechnen, dass auch die CDU/ CSU künftig weniger Rücksicht auf den kleinen Koalitionspartner nimmt, droht Wolfgang Bosbach MdB
Handelsblatt: Die FDP hat am Sonntag die Union düpiert. Sind das gute Umgangsformen für eine vertrauensvolle Kooperation?
Wolfgang Bosbach: Die FDP wollte sich offensichtlich als eigenständige politische Kraft profilieren. Ich habe Verständnis dafür, wenn sich viele im CDU-Präsidium düpiert fühlten.
Handelsblatt: Die Grünen reden schon vom Ende der schwarz-gelben Koalition.
Bosbach: Ich glaube nicht, dass das Koalitionsklima nachhaltig beschädigt ist. Aber wenn die FDP für sich das Recht herausnimmt, ohne Rücksicht auf die Union politische Entscheidungen zu treffen, dann eröffnet das auch für uns Möglichkeiten.
Handelsblatt: Was heißt das genau?
Bosbach: Dann kann die Union eines Tages auch in Sach- oder Personalfragen eigenständige Entscheidungen treffen.
Handelsblatt: Aber eine Mehrheit wird auch die Union immer brauchen, so dass es ohne die FDP nicht gehen wird, oder?
Bosbach: Das sehen wir dann, wenn es so weit ist. Wenn aber die FDP sagt, sie sei eine eigenständige politische Kraft und sie könne das auch ohne die CDU demonstrieren, dann kann das die Union umgekehrt auch mal so sehen.
Handelsblatt: Auch, wenn Sie sagen, das Koalitionsklima sei nicht nachhaltig beschädigt: Etwas bleibt hängen, oder?
Bosbach: Da haben Sie recht. Aber ich würde mich damit nicht lange aufhalten, sondern einfach weiterarbeiten. Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht mehr mit uns beschäftigen als mit den Problemen der Menschen.
Handelsblatt: Das Ziel bleibt die bürgerlich-liberale Koalition?
Bosbach: Ich gehe davon aus, dass das die Koalitionsaussage sein wird, ja.
Handelsblatt: Wären andere Kandidaten ein Problem gewesen für die Koalition, etwa Klaus Töpfer oder Wolfgang Huber?
Bosbach: Da wird in Personalentscheidungen zu viel hereingeheimnist. Es wäre keine strategische Entscheidung für künftige Koalitionsaussagen gewesen.
Handelsblatt: Wählen Sie Joachim Gauck?
Bosbach: Ich wähle Herrn Gauck aus Überzeugung. Er wird ein guter Bundespräsident sein. Er ist ein kluger Mann und wird die Köpfe ansprechen. Er ist angenehm im Umgang und kann gut zuhören. Er wird die Herzen der Menschen erreichen.
Das Interview führte Daniel Delhaes für das Handelsblatt / 21.2.2012




