"Zuhören, bis ein Gedanke zu Ende formuliert ist"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Peter Pappert.

Peter Pappert: Bei der Bundestagswahl am 24. September kandidieren Sie nach 23 Jahren nicht mehr. Was ist größer: Wehmut oder Erleichterung?

Wolfgang Bosbach: Ich bedauere, dass ich meinen Wunschberuf aufgeben muss; die Entscheidung selber allerdings nicht, ich habe sie mir lange und gut überlegt. Ich freue mich darauf, viel nachholen zu können, was ich in den letzten Jahren und Jahrzehnten versäumt habe.

Sie sprechen von Wunschberuf. Können Sie den anderen empfehlen?

Wer leidenschaftlich gerne Politik macht, für den ist das die Erfüllung eines Traums. Dieser Beruf hat allerdings auch – wie alle anderen – seine Schattenseiten. Nach 23 Jahren kann ich aber sagen: Die positiven Erlebnisse überragen die negativen bei weitem. Ich habe es nie bereut und würde mich wieder so entscheiden.

Sie nennen Leidenschaft als eine Voraussetzung. Was muss ein Berufspolitiker sonst mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Er sollte authentisch bleiben. Die Menschen haben ein untrügliches Gespür dafür, ob jemand echt ist oder nur eine Rolle spielt. Man darf nicht auf die Uhr gucken. Man muss gerne auf Menschen zugehen und mit ihnen sprechen. Man muss bereit sein, jeden Tag dazu zu lernen.

Wie hat sich die politische Arbeit von 1994 bis heute verändert?

Wir trauern ja oft aus nostalgischen Gründen der „guten alten Bonner Zeit“ nach. Aber es ist weniger der Umzug nach Berlin, der die Politik verändert hat, als vielmehr die Art der gesamten politischen Kommunikation. Wir haben heute eine ungeheure Geschwindigkeit bei der Produktion, Verarbeitung und Verbreitung von Nachrichten. Es ist fast unmöglich, bei Anfragen zu sagen: „Darf ich Sie in einer Stunde zurückrufen? Ich muss mich erst mal informieren.“ Jeder erwartet, dass sofort Auskunft gegeben wird – und zwar bis ins Detail. Nachrichten sind eine Ware, die schnell verdirbt. Ich habe dafür Verständnis, aber ich bedauere, dass wir zur Dramatisierung neigen. Nicht alles, was schief läuft, ist ein Skandal. Nicht jedes Problem ist eine Katastrophe. Aber unter Skandal und Katastrophe tun wir es heute nicht mehr.

Wie wirken sich geänderte Kommunikation und Dramatisierung auf die Qualität der Politik aus?

Die Politik heute ist weniger nachdenklich als früher. Der oberflächliche Schlagabtausch hat leider Konjunktur. Das beobachte ich bei Politikern aller Parteien. Die Argumentation wird kürzer und damit undifferenzierter. Ich bin mir nicht sicher, ob es uns gelingt, diesen Trend zu brechen. Ich merke ja bei mir selbst, dass ich nach einer Minute schon ungeduldig werde. Es fällt uns immer schwerer, so lange zuzuhören, bis ein Gedanke mal ausformuliert ist.

Ist es härter geworden?

Nein – im Gegenteil. Die Rededuelle im Bundestag waren früher wesentlich härter und persönlicher als heute.

Könnte Wahlkampf hierzulande so hart werden wie zuletzt in den USA?

Ich habe die feste Hoffnung, dass wir von einem solchen Wahlkampf verschont bleiben. Ich selbst bin Mitglied im „Verein für offene Aussprache“ und fühle mich deshalb persönlich angegriffen, wenn es heißt, Donald Trump sei gewählt worden, weil er Klartext gesprochen hat. Das hat er nicht. Das Veralbern von Behinderten, sexistische Sprüche, Hetze gegen Minderheiten – das alles hat mit Klartext überhaupt nichts zu tun. Das deutsche Publikum würde sich bei dieser Form eines Wahlkampfs von uns Politikern abwenden.

Fällt es ihnen schwer, für die Spitzenkandidatin und Kanzlerin Merkel in den Wahlkampf zu ziehen?

Überhaupt nicht! Ich kenne sie seit 23 Jahren; ich habe riesengroßen Respekt vor ihrem Fleiß, ihrem Kenntnisreichtum. Daran ändert sich nichts, wenn ich bei einzelnen Themen anderer Meinung bin als sie.

Politiker vom konservativen Flügel der CDU haben sich gerade zu einem Dachverband zusammengeschlossen, der sich „Freiheitlichkonservativer Aufbruch in der Union“ (FkA) nennt. Dessen Vorsitzender Alexander Mitsch sagt, viele CDU-Mitglieder seien heimatlos geworden. Hat er Recht?

Ich bekomme viele Zuschriften von aktiven oder ehemaligen CDU-Mitgliedern, die eine klare Abgrenzung zur politischen Konkurrenz vermissen und nach unseren Zielen für die Zukunft fragen. Keine Partei hat in den letzten Jahren so viele Wähler an die AfD verloren wie wir. Das muss uns doch zu denken geben. Ich habe noch nie einen Brief erhalten, in dem beklagt wurde, dass die CDU zu weit nach rechts gerückt sei, aber viele, in denen das Gegenteil kritisiert wird. Die Union muss dort bleiben, wo sie immer erfolgreich war: in der politischen Mitte – christlich-sozial, liberal, aber auch wertkonservativ.

Nur sechs Monate vor der Bundestagswahl ist der FkA kein Zeichen für Geschlossenheit.

Diese Gruppierungen möchten der CDU doch keine Probleme bereiten. Im Gegenteil, sie wollen helfen. Die Parteifreunde wollen verhindern, dass die CDU weitere Mitglieder und Wähler verliert. Ich schildere Ihnen mal ein Erlebnis in einem CDU-Ortsverband. Die erste Wortmeldung nach meiner Rede: „Ich würde am 24. September gerne CDU wählen, aber ich habe erhebliche Probleme mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin.“ Nach der Veranstaltung kam ein junges Ehepaar auf mich zu und sagte: „Wir sind 2015 wegen der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in die CDU eingetreten.“ Das zeigt die ganze Bandbreite der Meinungsvielfalt in der Union, und ich hoffe, dass die Partei diese Vielfalt auch in Zukunft akzeptiert.
 

 

 

 

Das Interview ist am 3. April 2017 in der Aachener Zeitung erschienen.