Erfahrungsbericht von Philipp Lelewel

Ein Jahr Nebraska!

Erfahrungsbericht
Philipp Lelewel


Vor fast genau zwei Jahren sollte mein Traum, ein Jahr in den USA zu verbringen Anlauf nehmen. Denn zu diesem Zeitpunkt sollte meine Mutter in einem kleinen, lokalen Anzeigenblatt auf das Parlamentarische Patenschafts-Programm (PPP) des deutschen Bundestage aufmerksam werden.

Schon ein Jahr zuvor hatte ich die Gelegenheit durch ein von Partnership International organisiertes Kurzzeitprogramm in die USA zu reisen und dort den amerikanischen Alltag in einer amerikanischen Familie aus erster Hand zu erleben. Doch ich kam zu der Erkenntnis, dass zwei Wochen absolut nicht ausreichen um einen guten Eindruck vom Alltag einer amerikanischen Familie zu erhalten.

Von da an war die Sehnsucht, die Vereinigten Staaten über einen längeren Zeitpunkt zu besuchen, geweckt. Ich bewarb mich auf „gut Glück“ bei Partnership für das PPP. Nach einer schriftlichen Bewerbung und einem Interview bei der Organisation, kam ich doch in die engere Auswahl und der Bundestagsabgeordnete für meinen Wahlkreis, Wolfgang Bosbach, sollte sich für mich entscheiden. Der Traum kann endlich beginnen.

Von meiner Gastfamilie erfuhr ich schon wenige Wochen nach dem Erhalt der Nachricht, dass ich als Botschafter Deutschlands in die USA reisen sollte. Ashland, eine kleine Stadt im Osten des Bundesstaates Nebraska sollte mein zu Hause für ein Jahr sein. Zu diesem Zeitpunkt war das Einzige was ich über Nebraska und den mittleren Westen der USA wusste, dass es, neben viel Mais, viel Einöde geben sollte. Und meine Zuversicht sollte sich nicht unbedingt dadurch steigern, dass ich auf einer Farm leben sollte.

Doch ich fing an mich sehr schnell für mein neues zu Hause zu interessieren. Ich nahm Kontakt mit meiner Gastfamilie auf und suchte im Internet nach mehr Informationen über Nebraska und war erstaunt, wie viel es doch alleine schon auf dem Papier zu erleben gab.

In einem einwöchigen Vorbereitungssemiar in Würzburg wurden wir auf unseren Auslandsaufenthalt eingestimmt und vorbereitet. Wir erfuhren viel über die amerikanische, aber auch die deutsche Kultur und Politik. Daneben war es auch schön sich mit Menschen über die Freude, Erwartungen oder Sorgen und Ängste dieses großen Abenteuers auszutauschen.


Am 8. August des Jahres 2009 war es endlich so weit. Nach einer langen Zeit der Vorbereitung konnte es endlich los gehen! Nach knapp 22 Stunden im Flugzeug oder an diversen Flughäfen landete ich endlich in Nebraska. Meine Gastfamilie erreichte einige Minuten zu spät den Flughafen, auf Grund meiner Gastmutter. Es sollte nicht das Einzige mal in diesem Jahr sein, dass ich auf sie warten müsste. Da war ich nun, mitten in Nebraska. Das Abenteuer begann.

Für mich als sehr großen Footballfan waren die USA wie ein Paradies für mich. Allein die Möglichkeit , Football zu einer humanen Zeit zu schauen war einfach nur großartig. Aber natürlich konnte ich mein Hobby auch in den Staaten aktiv als Teil des Football Teams meiner High School, den „Bluejays“,
verfolgen. Da das Training für die bevorstehende Saison begann, war dies die erste Gelegenheit für mich mit meinen künftigen Mitschülern in Kontakt zu kommen. Es bereitete mir viel Spaß Teil dieses Teams zu sein, an den Freitagabenden unter Flutlicht und den Augen der halben Stadt auf das Feld zu laufen und für seine Schule zu kämpfen.

Sport im Gesamten spielt eine sehr große Rolle im amerikanischen Alltag und ist außerdem sehr eng mit der Schule verknüpft. Sportvereine gibt es nur wenige. Die Schule ist der „Verein“. Nach dem Unterricht ist Training angesagt. Dies nimmt die meiste freie Zeit der (meisten) Jugendlichen ein, denn es ist auch üblich jeden Tag von Montag bis Freitag zu trainieren, es sei denn es steht ein Spiel an einem dieser Tage an.

Aber nicht nur die Schüler oder die Eltern identifizieren sich mit ihrem Team. Es ist viel mehr fast die ganze Stadt. Viele Leute kommen zu den Spielen der verschiedenen Sportarten und versuchen das High School Team ihres Ortes lautstark zu unterstützen und sich da mit Freunden zu treffen.

Auch außerhalb der Schule hatte ich Gelegenheit mein Hobby Football auszuleben. Ich sah zwei Spiele der Universität von Nebraska, sowie das Saison-Halbfinalspiel zwischen den New York Jets, meinem absoluten Lieblingsteam, und den Indianapolis Colts in Indianapolis. Die Fahrt nach Indianapolis habe ich meiner einzigartigen Gastmutter zu verdanken. Sie sagte wenn ich einen weiteren Freund finden würde, würde sie die lange Fahrt auf sich nehmen. Natürlich war mein Freund Blake, auch ein sehr großer Footballfan, schnell für mein Vorhaben zu begeistern und so fanden wir uns am Spieltag in Indianapolis und sahen die Spieler, sowie New York Jets Legende Joe Namath, aus zehn Metern Entfernung. Die Stimmung während des Spiels war einfach unbeschreiblich und mit einem Fußballspiel hier in Deutschland überhaupt nicht zu vergleichen. Man verstand sein eigenes Wort nicht mehr. So laut war es.Obwohl die Jets doch verloren haben, war dieser Tag das absolute Highlight meines Austauschjahres.

Nebraska Football. Eine Religion in Nebraska. Das Memorial Stadium in Lincoln ruft an den Samstagen im Herbst zu den Spielen der Cornhuskers. An einem Spieltag wird das Stadion zur drittgrößten Stadt nach Omaha und Lincoln. 88.000 Menschen mit roten T-Shirts an feuern ihr Team an. Der Glaube an das Team ist seit über 300 Spielen ungebrochen. Denn schon über 300 mal in Folge ist das Memorial Stadium ausverkauft gewesen und die Serie hält weiter an. Ein Rekord im College Sport. Der legendäre „Tunnel Walk“, der Einlauf der Spieler, erzeugt Gänsehaut, sowie das Anfeuern der Zuschauer oder der Jubel bei einem Touchdown. Wieder einmal ist die Atmosphäre die in diesem Footballtempel herrscht etwas ganz Besonderes.

Aber nicht nur diese Erlebnisse haben mein Jahr unvergesslich gemacht und die Sehnsucht geweckt nach Nebraska zurück zu kehren. Es sind die Menschen, die dieses Jahr so einzigartig gemacht haben. Ihre Offenheit und Freundlichkeit spürt man gerne. Wer die USA schon einmal bereist hat, merkt dies auch, egal wo man ist. Doch lebten, meinem Empfinden nach, die Leute in Nebraska noch ein wenig mehr diese Attribute.

Sei es ein kleiner Dorfladen, in dem man sich kennt, oder aber ein Geschäft in einer der unzähligen Malls, den unmenschlich großen Konsumtempeln in den Großstädten, man wird immer mit einem Lächeln oder einem „Hey, how are you doing today?“(Hallo, wie geht es ihnen heute?) freundlich begrüßt. Natürlich erwarten die Leute keinen langen Vortrag darüber, wie die Situation der zu begrüßenden Person in Wirklichkeit ist. Ein einfaches „Just fine“ (Ganz gut.) beendet meistens diesen Begrüßungsdialog. Obwohl diese Fragen sicherlich sehr oberflächlich und nicht persönlich zu nehmen sind, fühlt es sich dennoch für einen Deutschen in den USA immer noch gut an und er fühlt sich in diesem Laden buchstäblich „herzlich Willkommen“.

Diese Offenheit gegenüber den Menschen hat die ersten Wochen meines Auslandsaufenthaltes um einiges einfacher gemacht. Ich fand schnell Kontakt zu vielen Mitschülern in den ersten Tagen in der Schule. An einer kleinen Schule fiel ich dann doch schon auf und man fragte mich sofort wer ich sei und sie waren an meiner Geschichte interessiert. So fand ich schnell Anschluss zu diversen Leuten. Nach einigen Wochen kristallisiert sich nach und nach heraus zu welchen Leuten man Freundschaften aufbaut und wer eigentlich nur wissen wollte wer du bist. So geschah es auch, dass ich meinen besten Freund Eric erst nach einigen Wochen erst wirklich kennen gelernt habe und wir vorher eigentlich komplett falsche Vorstellungen voneinander hatten. Doch aus diesen Anfangs bestehenden Vorurteilen entwickelte sich allmählich eine Freundschaft, die auch immer noch über fast 8.000 Kilometer Entfernung besteht.

Ich zählte mich vor meinen Austauschjahr eigentlich als totaler Stadtmensch. Da war die Nachricht, dass ich auf einer Farm zehn Kilometer außerhalb der Stadt leben sollte, natürlich erst einmal ein Schock. Doch ich lernte schnell die Landschaft zu lieben. Die sternenklaren Nächte am Lagerfeuer mit Freunden, oder die schier unendliche Sicht über die Maisfelder Nebraskas vom Futtersilo herab machten diesen Fleck Erde so wunderbar. Dazu beigetragen, dass ich mich so schnell in Nebraska und die Landschaft gewöhnt hab, verdanke ich einem meiner Gastbrüder, Austin. Ihn kann man durchaus als richtigen „Countryboy“ bezeichnen. Und er lehrte mir schnell die Vorzüge von Pickups, Country Musik und dem Leben außerhalb der Stadt.

Ein Austauschjahr zu erleben, heißt aber nicht nur eine neue Kultur kennen zu lernen, sondern auch seine eigene Kultur mit in das Land zu bringen. Fast alle Menschen, die ich kennen gelernt habe, haben Geschichten über Deutschland zu erzählen. Entweder war der Urgroßvater aus Deutschland oder die Menschen sind von deutschem Bier oder der Autobahn begeistert. Doch viele Vorstellungen der Amerikaner über Deutschland sind einfach falsch. Für viele Menschen sieht ganz Deutschland so aus wie Bayern. Alle Deutschen laufen in Lederhosen herum und essen ihre Brezel mit einem Bier. Bildbände, Gummibärchen, Diskussionen oder Erzählungen über Politik und Kultur helfen natürlich das Bild der Amerikaner über Deutschland in eine andere Richtung zu lenken, doch das beste Beispiel, dass Deutschland oder die Deutschen nicht so sind wie immer gedacht ist der Austauschschüler selbst. Mit der Art und dem Charakter den man besitzt assoziieren die Menschen dich mit Deutschland und somit allen anderen 80 Millionen Menschen die hier Leben. So wird ist man selbst doch das beste Beispiel dafür was Deutschland ausmacht.


Ein unvergessliches Jahr im Ausland zu erleben, dass einen formt, seine Sicht auf die Welt verändert und für immer begleiten wird, ist sicherlich nicht selbstverständlich. Schon gar nicht wenn man ein Stipendium des Deutschen Bundestages erhält. Bedanken möchte ich mich deshalb bei meinem Bundestagsabgeordneten, Wolfgang Bosbach, der mir die Möglichkeit geschenkt hat, dieses Jahr zu erleben. Ein ganz besonderer Dank geht aber auch an meine Gastfamilie. Sie haben mich so herzlich aufgenommen, dass ich wirklich sagen kann: Ich habe ein zweites zu Hause gefunden. Aber was wäre das Jahr ohne all die netten Menschen, denen ich während meines Jahres begegnet bin? Ein Dank geht auch an sie, denn sie haben die Erfahrungen und Erlebnisse geformt, die für immer in meinem Herzen bestehen bleiben werden.

Vielen Dank!

 

       Philipp Lelewel