Erfahrungsbericht von Robin Cyriax

High School Jahr in den USA August 2006 - Juni 2007

Im Februar 2006 habe ich ein PPP Stipendium erhalten und konnte deshalb mein 11. Schuljahr als Austauschschüler in den USA verbringen.
Tja also gelandet bin ich nach einigem Hin und Her bei der Auswahl meiner Gastfamilie in Bridgeport, einem kleinen Dorf direkt am Columbia River in Washington State. Wahrzeichen des Dorfes ist der „Chief Joseph Dam“, ein 72 m hoher und 1,8 km langer Staudamm, der das zweitgrößte Wasserkraftwerk der USA ist. Bridgeport selbst ist allerdings sehr klein; ungefähr 2500 Einwohner leben dort und die örtliche High School, die ich besuchte, hat nur 150 Schülerinnen und Schüler insgesamt, also zwischen 30 und 40 Schülerinnen und Schüler pro Stufe.
Bridgeport liegt ziemlich in der Mitte von Washington. Zur Küste, die sehr dicht besiedelt ist und an der auch die bekannten Städte Seattle und Portland (allerdings schon in Oregon) liegen, fährt man mit dem Auto ungefähr fünf Stunden. Zur anderen Seite hin, im Osten Washingtons, liegt Spokane. Spokane ist nur 2,5 Fahrtstunden mit dem Auto entfernt, und ist eine relativ große Stadt, die in Deutschland allerdings weitestgehend unbekannt ist. Eine Tatsache die mich deswegen überrascht hat, weil Spokane die größte Stadt zwischen Seattle und Minnesota ist, also auf einer Strecke von immerhin circa 1500 km.
Das Niveau der Amerikanischen Schulen hat mich trotz aller Warnungen doch noch überrascht. Selbstständiges Lernen findet man genauso wenig wie Unterrichtsgespräche oder mündliche Mitarbeit. Der Unterricht besteht in Monologen der Lehrer und benotet werden nur die anspruchslosen Hausaufgaben, die dafür in Mengen aufgegeben werden. Ab und zu schreibt man dann noch einen kleinen Test, den man aber allenfalls noch mit einem Vokabeltest in Deutschland vergleichen kann. Klausuren oder so etwas wie Abitur kann man wohl gar nicht in die Englische Sprache übersetzen. Die einzige Möglichkeit, etwas gefordert zu werden, besteht darin sog. „College-Kurse“ im Internet zu belegen, was die beiden anderen deutschen Austauschschüler und ich dann auch im Fach Mathematik gemacht haben.
Dieser Kurs, AP Calculus genannt und wohl der König der Mathematik in den USA, hat uns dann allerdings auch ziemlich ins Schwitzen gebracht, denn zu dem schwierigen Stoff, der ja auch noch auf Englisch war, kam zusätzlich noch die Abwesenheit eines „realen“ Lehrers hinzu. Unsere Hoffnung, uns von den „normalen“ Mathematiklehrern helfen zu lassen, wurde schnell durch geballte Unfähigkeit zunichte gemacht, die uns von diesen entgegen schlug. Aber beeindruckt haben wir sie wohl ziemlich, denn wir drei Austauschschüler bekamen in unserem Standart Mathematikkurs, den wir auch noch belegen mussten, alle ein „A“, also eine 1, auf dem Zeugnis. Und das, obwohl wir uns im Unterricht vor allem durch Unaufmerksamkeit und fehlende Hausaufgaben auszeichneten, ab und zu unterbrochen von „genialen“ Erklärungen von Aufgaben an die Klasse.
Mit meiner Gastfamilie kam ich das ganze Jahr über sehr gut klar. Meine Gasteltern waren beide um die 50 Jahre alt und waren total locker drauf. Ich hatte drei Gastgeschwister: mein älterer Gastbruder und meine ältere Gastschwester sind beide schon verheiratet, und nur meine jüngere Gastschwester wohnte noch zuhause. Mit ihren 16 Jahren passte das altersmäßig auch ganz gut bei uns beiden und durch sie habe ich dann auch schnell viele Leute kennen gelernt.
Mit meiner Gastfamilie habe ich auch einige coole Sachen gemacht, zum Beispiel waren wir in Idaho in einem Vergnügungspark. Mein Gastvater hat mich oft zum Golfen mitgenommen und, was natürlich am wichtigsten war, alle haben mich schnell als Mitglied der Familie aufgenommen und akzeptiert.
Glücklicherweise haben meine Gasteltern mich auch sehr dabei unterstützt, den Führerschein zu machen. Nach einigen Schwierigkeiten habe ich diesen jetzt auch umschreiben können und befinde mich nun wohl im Besitz der nahezu billigsten deutschen Fahrerlaubnis für PKW Fahrzeuge. Statt mehr als 1000 € musste ich dank der Hilfe meiner Gasteltern in den USA und meinen Eltern in Deutschland nur rund 250 € dafür bezahlen.
Ohne hier konkret Namen und Verantwortliche zu nennen, will ich an dieser Stelle mal klar stellen, dass die Annahme, dass amerikanische Jugendliche sich an das Alkoholverbot für unter 21-jährige halten, das wohl größte Klischee über die USA ist. Der einzige Unterschied zu Deutschland besteht darin, das es möglichst geheim passiert, so dass die Eltern nichts heraus bekommen. Das Gleiche lässt sich auch über den Konsum von Zigaretten und Cannabis aussagen. Die Deutschen sind also keineswegs „schlimmer“ als die amerikanischen Teenager, sie stehen nur dazu, bzw. die Gesellschaft ermöglicht ihnen ihre Taten nicht verheimlichen zu müssen.
Schlimmere Konsequenzen hat diese „Bloß-nicht-der-Realität-ins-Auge-blicken“ Mentalität beim Thema Sex. Weil die amerikanischen Jugendlichen ja keinen Sex vor der Ehe haben dürfen, und deshalb natürlich auch nicht haben, brechen in Bridgeport jedes Jahr durchschnittlich 5 Mädchen die Schule ab, weil sie schwanger werden. Ziemlich erschreckende Zahlen, Bridgeport hat 150 Schülerinnen und Schüler, während ich auf meinem Gymnasium, das circa 1000 Schülerinnen und Schüler besuchen, noch nie so etwas mitgekriegt habe.
Eine Woche nach meiner Ankunft startete die Football Mannschaft um für die neue Saison zu trainieren und ich meldete mich an. Nach einigen Startschwierigkeiten war ich schnell mit meinen Mitspielern und dem Spiel an sich vertraut und erfuhr auch schnell, dass die Amerikanische Football Verrücktheit, die man aus Filmen kennt, kein Mythos ist, sondern die Wahrheit. Football spielen zu können war auf jeden Fall eine super Erfahrung. Vom Spielen der Nationalhymne bis zum rituellen Aufpushen mit „Schlachtrufen“ und (behelmte) Köpfe gegeneinander Hauen hatte alles einen ganz besonderen Flair.
Der Sport hat allerdings auch eine andere Seite. Viele Jugendliche beginnen schon mit 12 oder 13 Jahren mit intensivem Krafttraining, um die nötige Muskelmasse aufzubauen die nötig ist, falls man College Football spielen will. Durch die hohe Belastung haben viele ehemalige Footballspieler schon mit 25 bis 30 Jahren extreme Rückenprobleme. Und auch die Einnahme von Steroiden und Anabolika sind zumindest an größeren Schulen keine Seltenheit. Aber trotzdem fand ich den Schulsport im Großen und Ganzen ziemlich cool! Im Winter habe ich dann Basketball und im Frühling auch noch Fußball gespielt. Ich meine andererseits, außer Sport gibt es nicht viel, was man in Bridgeport nach der Schule machen kann.
Fußball ist ungewöhnlicherweise ziemlich populär in der Region durch die vielen Hispanics die in Washington als Billigarbeiter für die großen Fruchtplantagen gebraucht werden. Washington bezeichnet sich selbst als den „Apple State“ der USA. In Bridgeport selber waren ganze 85% der Einwohner Hispanics, nur ca. 15% waren Weiße. Die vielen Immigranten bilden eine im Vergleich zu Deutschland unverhältnismäßig große Unterschicht mit den einhergehenden Problemen: hohe Kriminalitätsrate, viel Drogenkonsum, Gangs, etc. Um ein anschauliches Beispiel dafür zu geben, erzähle ich einmal eine Geschichte aus der Basketballsaison. Wir waren auf dem Rückweg von einem Auswärtsspiel in einem der „gelben Schulbusse“ wie man sie in Deutschland aus vielen Filmen, z. B. Forest Gump, kennt. Als wir nur noch ca. 20 Minuten vor Bridgeport waren, durchzog plötzlich der durchdringende Geruch von Cannabis den Bus. Wie sich später herausstellte, hatten einige der Jungs in der letzte Reihe eine Bong dabei und dachten ernsthaft, niemand würde die Grasraucherei mitkriegen. Unser Trainer ließ den Busfahrer am Straßenrand halten und die Nacht endete mit Durchsuchungen aller Spieler durch die Polizei und mit Verhören von all den Spielern, die sich im hinteren Teil des Busses aufgehalten hatten. Die Verantwortlichen wurden aus dem Team geschmissen und für das restliche Schuljahr suspendiert. Am nächsten Tag folgte dann noch ein saftiges Straftraining.
Begründen kann man solche Aktionen im Grunde nur mit der sog. „Scheiß-Egal-Mentalität“, die viele der Schülerinnen und Schüler sich hier sehr schnell aneignen. Auch wenn sie theoretisch die Möglichkeit hätten, später auf ein College zu gehen und zu studieren, schließlich gibt es ja den „American Dream“, sieht die Realität doch anders aus. Die meisten von ihnen folgen dem Beispiel ihrer Eltern und werden Plantagenarbeiter oder verstricken sich soweit in der Kriminalität, dass sie früher oder später im Knast enden. Geschwister oder Elternteile im Gefängnis zu haben, ist in Bridgeport keine Seltenheit. Ein paar Mädchen meiner Schule hatten ältere Brüder, die zu ihrer Schulzeit ebenfalls befreundet gewesen waren. Alle vier waren während meines Aufenthalts in Bridgeport im Knast, weil sie einige Monate zuvor aus Langeweile einen Obdachlosen zusammen geschlagen hatten, ihm eine Pistole an den Kopf hielten und das ganze mit einem Handy aufgezeichnet hatten.
Tja, alles in allem habe ich wohl eine ziemlich extreme Region für amerikanische Verhältnisse erwischt. Dies ist natürlich einerseits schade, da die negativen Seiten dieser Gegend mein Jahr in den USA ein ganzes Stück geprägt haben, andererseits habe ich dafür einen sehr ungewöhnlichen Einblick in die Gesellschaft der USA erhalten, sozusagen die „andere Seite“ der Medaille gesehen. Diese Erfahrungen sind für mich auf jeden Fall ein wichtiger Teil dieses Jahres und ich denke, sie haben mein Weltbild verändert und mich dazu gebracht Dinge mal von einem anderen Punkt aus zu betrachten.
Ein weiterer Vorteil an Bridgeport war, dass außer mir noch zwei andere deutsche Austauschschüler dort platziert wurden. Lustigerweise beide aus Köln, also gerade mal 30 km von meinem heimatlichen Wohnort entfernt. Mit dem einen habe ich mich auch von Anfang an super verstanden und über das Jahr hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt; seit meiner Rückkehr haben wir uns schon oft getroffen.
In dem Jahr in den Staaten war ich außerdem in vier größeren Städten. Mit allen Austauschschülern aus meiner Region war ich für drei Tage Ende November in Seattle. Seattle ist auf jeden Fall eine super Stadt, auch wenn das Wetter meistens zwischen Regen und Schnee zu schwanken scheint.
Sie ist die größte Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten und der Verwaltungssitz des King County im US-Bundesstaat Washington. Der Stadtname geht zurück auf den legendären Indianerhäuptling Chief Seattle (1786–1866). Als bauliches Wahrzeichen von Seattle gilt der für die Weltausstellung 1962 errichtete Turm Space Needle. Die Stadt ist Sitz der renommierten University of Washington.
Im Rahmen eines Schulprojektes besuchte ich an einem Wochenende Washingtons Hauptstadt Olympia, wo ich mit zwei Mitschülerinnen einer Washington State-Senatorin eine Power–Point–Präsentation mit dem Thema „Mögliche Verschönerungen in Bridgeport“ vortrug. Zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt gehört das State Capitol Museum, dessen Sammlungen indianisches Kunstgewerbe, naturkundliche Ausstellungsstücke und Gemälde umfassen. Erwähnenswert ist außerdem die Kapitol-Gruppe, die zwischen 1911 und 1935 erbaut wurde und zu der das Gebäude der Gesetzgebung, der Justizpalast und vier weitere Gebäude mit Blick auf den Hafen gehören, die wir natürlich besichtigten.
Dann war ich mit meinem Onkel im Februar für fünf Tage in San Francisco, eine der coolsten Städte, die ich je besucht habe. San Francisco gilt als eine Metropolregion im US-Bundesstaat Kalifornien an der Westküste der USA und ist die viertgrößte Stadt Kaliforniens. Im globalen Vergleich gilt sie als mittelgroße Weltstadt. Die Lage am Berg und die super schöne und beeindruckende Architektur, wie man sie aus Filmen kennt, schaffen einen klasse Flair, der durch Monumente, wie die Golden Gate Bridge, auch nicht gerade vermindert wird.
Auf dem Weg nach Hause trafen sich alle PPP Stipendiaten noch einmal für zwei Tage in Washington D.C., wo wir uns das Kapitol, das Washington Monument und das „Weiße Haus“ anguckten sowie ein Meeting mit den amerikanischen Abgeordneten, bzw. mit deren Mitarbeitern, unserer Bundesstaaten hatten.
Das Jahr an sich ging eigentlich relativ schnell rum, insbesondere die ersten drei Monate bis November vergingen wie im Flug. Der Winter zog sich etwas lang, Heimweh habe ich zwar nicht gekriegt, allerdings war es irgendwie eine ziemlich langweilige Zeit.
Wieder nach Hause zu kommen war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, irgendwie fühlte es sich an als ob ich nie weg gewesen wäre. Alles war direkt wieder total vertraut und auch mit meinen Freunden war es wieder wie vor meinem Austauschjahr.
Schwieriger war es da schon, sich wieder an die Schule zu gewöhnen. Viel hatte sich verändert von der 10. zur 12. Klasse, angefangen von Freistunden über Entschuldigungszetteln bis hin zu den Arbeiten, die ja jetzt „Klausuren“ genannt werden. Dazu kam natürlich noch das „etwas“ anspruchsvollere Niveau am deutschen Gymnasium, hinter dem das der Amerikanischen High School doch weit zurück bleibt. In einigen Fächern, vor allem Biologie und Chemie, die ich beide in den USA nicht belegt hatte, machten sich auch von der ersten Stunde an die Wissenslücken bemerkbar, die ich jetzt habe.
Alles in allem war das Highschool-Jahr in den USA sicherlich eine tolle Erfahrung. Durch das Erleben dieser anderen Kultur und einer völlig anderen Gesellschaft ist mir erst richtig bewusst geworden, wie wichtig mir Deutschland ist. Nun, da ich das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ selber erlebt habe, sehe ich viele Dinge über die USA mit ganz anderen Augen, leider vieles auch negativer als vorher. Ich denke für meine Zukunft hat sich das ganze auf jeden Fall gelohnt und mich persönlich hat das Jahr sicherlich auch weiter gebracht.