"Ich möchte mich nicht weiter aufreiben"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Matthias Niewels und Guido Wagner.

Niewels/Wagner: Herr Bosbach, dass Sie mit dem Kurs Ihrer Partei nicht in allem einverstanden sind, haben Sie offen gesagt. Was hat jetzt den Ausschlag gegeben, nicht mehr zu kandidieren?

Bosbach: Es gibt nicht einen Grund, sondern ein ganzes Bündel von Gründen, sowohl politische als auch sehr persönliche. In einigen wichtigen politischen Punkten kann ich die Haltung meiner Partei nicht mehr mit der Überzeugung vertreten, wie ich sie gerne vertreten würde – und wie ich sie auch vertreten müsste, wenn ich noch einmal für den Bundestag kandidieren sollte. Und: Ich bin leider nicht der Gesündeste.

Ihre Positionen und Ihre Art, sie auch gegen Widerstände zu vertreten, sind in der Bevölkerung doch goutiert worden …

Das stimmt, aber ich möchte nicht mehr meine Zeit damit verbringen, gegen eine große Mehrheit meiner Partei und der Kollegen in der Fraktion zu argumentieren. Das gilt für die Euro-Rettungspolitik, das gilt für die Flüchtlingspolitik, das gilt für die Politik der Europäischen Zentralbank, die zu einer faktischen Enteignung der Sparer führt. Das war ein immer größerer Spagat zwischen auch notwendiger Solidarität mit der Partei und dem Wunsch, sich nicht verbiegen zu lassen.

Kehren Sie damit der CDU den Rücken?

Selbstverständlich nicht. Also auf die Idee, die CDU zu verlassen oder zu einer anderen Partei zu gehen, käme ich noch nicht mal mit drei Promille. Ich bin ja 1972 nicht aus Versehen oder aus Zufall in die CDU eingetreten, sondern aus Überzeugung. Ich bleibe selbstverständlich in der Partei, nur meine aktive politische Arbeit wird mit dem Ende der Wahlperiode beendet werden.

Meinen Sie nicht, dass Sie als Parteirevolutionär jetzt noch viel mehr Anfragen zu Interviews, Talkrunden …

Moment, jetzt muss ich Sie mal unterbrechen. Ich bin überhaupt kein Parteirevolutionär. In keiner einzigen Frage vertrete ich eine Meinung, die nicht auch mal die Auffassung der CDU war. Ich habe nie eine revolutionäre Bewegung in der CDU angeführt, sondern politische Positionen vertreten, die auch einmal Positionen meiner Partei waren und die ich nach wie vor für richtig halte – und mit mir viele andere in der Partei auch.

Ihr Bekanntheitsgrad ist sehr hoch. Das sieht man auch am Medieninteresse an Ihrer Entscheidung.

Ja, aber ich habe das auch in dem letzten Jahr nach dem Abschied als Innenausschussvorsitzender gemerkt: Das wird weniger, und damit habe ich kein Problem.

Sie haben gesagt, Sie seien nicht gesund, aber Ihre Krankheit nennen Sie nicht als Hauptgrund für Ihre Entscheidung.

Ich muss nächsten Montag wieder ins Krankenhaus zu einer Operation. Und ich sage Ihnen: Das ist kein Spaß.

Was wird sich bis zur Bundestagswahl für Sie ändern?

Die Arbeit geht weiter. Ich habe mir die Entscheidung nicht leichtgemacht. Auf der einen Seite fällt sie mir schwer, auf der anderen Seite ist sie auch eine Befreiung.

Warum?

Weil ich in den vergangenen Monaten tausendfach gefragt worden bin, ob ich noch mal antrete oder nicht. Ich habe immer dem Kreisverband gesagt, ich sage euch nach Ende der Ferien als ersten Bescheid. Und das habe ich jetzt getan.

Wann stand die Entscheidung fest?

Mit der letzten Diagnose des Arztes war für mich klar, dass es die richtige Entscheidung war.

 

 


Das Interview ist am 24. August 2016 u.a. beim Kölner Stadt-Anzeiger und bei der Bergischen Landeszeitung erschienen.