„In der Politik geht es im Kern um Vertrauen“

Interview: Für Wolfgang Bosbach haben die Bürger ein Recht darauf, dass „Probleme nicht ignoriert oder tabuisiert werden" / Persönlicher Zukunftswunsch: Opa werden

Wolfgang Bos-bach genießt als Politiker überpar­teilich hohes Ansehen - unter ande­rem für sein Geschick, auch in schwierigen Situationen Kompro­misse auszuhandeln. Am Rande sei­nes Besuchs bei den „Igersheimer Impulsen" führten die Fränkischen Nachrichten mit dem 66-jährigen Rheinländer ein Exklusiv-Interview.

Herr Bosbach, seitdem Sie Ihre ak­tive politische Laufbahn beendet haben, werden Ihnen „sportliche" Ambitionen nachgesagt. Wie stehen die Chancen, dass Sie das Prä-sidentenamtbeim 1. FC Köln über­nehmen?

Wolfgang Bosbach: Die Chancen stehen schlecht, die sogenannte Fin-dungskommission hat mich eben darüber unterrichtet, dass man dem Mitgliederrat, der das alleinige Vor­schlagsrecht hat, ein anderes Präsi­dium vorschlagen wird also nicht die bisherigen Vizepräsidenten mit mir an der Vereinsspitze.

Welche Rolle spielt für Sie der Be­griff Humor, wenn Sie derzeit mit den politischen Realitäten konfrontiert werden?

Bosbach: Man darf Humor nicht mit Albernheit verwechseln; man kann auch ein fröhlicher Mensch sein und trotzdem hart und ernsthaft arbeiten. Wenn ich mir die Politik in Deutschland betrachte, dann gibt es Grund zur Freude über das Land, aber gleichzeitig Grund zur Besorg­nis. Denn wir merken doch, dass die jahrzehntelange politische und ge­sellschaftliche Stabilität unseres Landes ins Wanken gerät. Rechtsau­ßen werden populistische und na­tionalistische Kräfte stärker und linksaußen wächst unter dem Stich­wort „Enteignungen" die Zuneigung zum überwunden geglaubten Sozia­lismus.

Ihr Buch trägt den Titel „End­spurt". Wäre es für die deutsche Gesellschaft nicht von Vorteil, wenn das politische Rennen der Parteien annulliert wird und ein Neustart erfolgt?

Bosbach: Wir brauchen keinen Neu­start, wir brauchen mehr Mut zu ernsthaften innerparteilichen Debatten und aus Sicht der Union ein klares politisches Profil. Es ist immer schwerer zu erklären, wofür die Uni­on ganz unverwechselbar steht und was uns von der politischen Konkurrenz unterscheidet. Und je klarer die politischen Alternativen zwischen den Parteien sind, desto leichter fällt den Wählern auch ihre Wahlentscheidung.

Was war für Sie der ausschlagge­bende Beweggrund, über Heraus­forderungen und Werte der heutigen Gesellschaft unter die Autoren zu gehen?

Bosbach: Ich habe in meinem Leben unzählige Interviews gegeben. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass

man bei Interviews im Fernsehen, im Hörfunk und auch in den Print-

medien immer nur zu wenigen Fra­gen kurz Stellung nehmen darf. Nicht alles ist kompliziert, aber vie­les. Und dann hat man in einem Buchformat die Chance, nicht nur zu alltäglichen, sondern zu ganz grundsätzlichen Fragen der Politik Stellung zu nehmen und die eigene Position etwas ausführlicher zu er­läutern, als das in klassischen Inter­views möglich ist.

Gibt es heute in der Politik zu viele Ja-Sager?

Bosbach: Es kommt drauf an, wozu man Ja sagt (lacht). Nichts spricht gegen Ja-Sagen, wenn man von der Richtigkeit der politischen Entschei­dung überzeugt ist. Wenn man aller­dings Ja sagt, um innerparteilich kei­nen Ärger zu bekommen oder wenn man nur Ja sagt, wenn man sich die eigenen Karrierechancen nicht zu verbauen möchte, auch wenn man inhaltlich Bedenken hat, dann sollte man nicht Ja sagen, sondern seiner Überzeugung treu bleiben.

Hat Ihnen die manchmal fehlende Linientreue" in der CDU ein Mi­nisteramt verwehrt?

Bosbach: Das ist eine gute Frage, die ich leider nicht selbst beantworten kann. 2005 hatte ich berechtigte Hoffnungen, in ein Ministeramt zu kommen - und die Hoffnungen wa­ren auch nicht grundlos. Aber dann hat sich die Kanzlerin anders ent­schieden. Darunter habe ich auch nie gelitten. Die wenigsten, die Minister werden wollen, werden Minister. Und ich habe danach genau so gerne weiter gearbeitet wie vorher. Die Gründe für die Entscheidung gegen mich kenne ich bis heute nicht.

Wie wichtig ist für Sie ein ehrlicher und persönlicher Kontakt zu den Bürgern?

Bosbach: Der ist nicht nur für mich wichtig, das ist für mich das Wich­tigste in der politischen Arbeit. Denn in der Politik geht es im Kern um Vertrauen. Und ich habe immer so gearbeitet, dass am Ende einer Wahlperiode niemand sagen konnte, er hat uns getäuscht oder wir sind von ihm enttäuscht. Bürger haben einen Anspruch auf klare Auskunft und sie haben ein Recht darauf, dass Proble­me nicht ignoriert oder tabuisiert werden. Ich kann mich noch gut er­innern, dass ich Ende 2015 nach den Kosten der stark steigenden Migration gefragt habe. Damals wurde mir gesagt, ich solle die Leute nicht verrückt machen. Heute geht es Jahr für Jahr um hohe zweistellige Milliardenbeträge Jahr für Jahr. So schnell können sich die Zeiten ändern.

Deutschland scheint sich eine zunehmende Politiker- und Parteienverdrossenheit breitzumachen - auch was Europa angeht. Sehen Sie Möglichkeiten, dieser Trend kurzfristig umzukehren?

Bosbach: So schön es wäre, wenn dieser Trend kurzfristig umkehrbar wäre - daran glaube ich nicht. Aber die Parteien, besonders Union und SPD, die spüren doch, dass in den letzten Jahren der Graben zwischen Wählern und Gewählten immer größer geworden ist und es nicht reicht, Entscheidungen zu verkünden. Man muss sie gut begründen und das Pu­blikum bei der Entscheidungsfin­dung mitnehmen. Wenn die Men­schen das Gefühl bekommen, ei­gentlich ist nur alle vier Jahre unsere Stimme gefragt, dann reicht das nicht, um die Menschen davon zu überzeugen, wie wichtig politisches Engagement ist. In puncto Europa freue ich mich darüber, dass das In­teresse heute deutlich höher ist als vor fünf Jahren, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass die Menschen auch spüren, dass der eu­ropäische Einigungsprozess kein Selbstläufer ist.

Wo sehen Sie Reformansätze, um radikalen politischen Bewegungen die Flügel zu stutzen und so die Demokratie als Ganzes zu stärken?

Bosbach: Es gibt legitime nationale Interessen. Die vertreten wir allerdings am besten in der Gemeinschaft der Länder Europas. Allein sind wir nicht stark genug, um unse­re Interessen zu vertreten. Also brau­chen wir in Europa und in der Welt politische Partner und Verbündete. Das heißt, die Rückkehr zum Natio­nalismus stärkt unser Land nicht, dies wird unser Land eher schwä­chen. Ich glaube, dass die Menschen durch die Diskussion zum Thema Brexit spüren, dass in Europa etwas ins Rutschen gerät und man diese Entwicklung doch stoppen möchte. Antieuropäische Ressentiments gibt es in Deutschland nur an den äu­ßersten Rändern, in der Mitte der Gesellschaft nicht.

Sie sind mit Ihrer Krebserkrankung in der Öffentlichkeit transparent umgegangen. Wie förder-

t lich wäre solch eine Transparenz im Einklang mit Ehrlichkeit, um den Faktor Vertrauen in die Politik wieder zu stärken?

Bosbach: Ich habe zu meinem Gesundheitszustand noch nie eine Presseerklärung abgegeben, auf den Gedanken käme ich auch in Zukunft nicht. Aber alle Fragen beantworte ich offen und ehrlich. Und ich halte es in puncto Gesundheit wie in der Politik: immer offen und ehrlich. Ich weiß auch aus unzähligen Zuschrif­ten und Gesprächen, dass man mit dieser Haltung anderen Menschen Mut machen kann. Eine Krebserkrankung ist nichts, was einem peinlich sein muss oder wofür man sich entschuldigen müsste.

Würden Sie mit dem Wissen von heute alles nochmals genau so machen, wenn sie am Anfang Ihrer Laufbahn stehen würden?

Bosbach: Privat nicht, da würde ich sicher früher heiraten, denn dann hätten die Kinder einen jüngeren,

fitteren Papa gehabt (lacht). Aber politisch bereue ich nichts. Besonders hat es mir geholfen, dass ich vor meinem Eintritt in den Deutschen Bundestag 20 Jahre kommunalpolitisch aktiv war. Das ist die beste Schule, die man sich als Politiker wünschen kann.

Wie sind Sie in Ihrer Karriere mit Fehlern umgegangen?

Bosbach: Wenn im Büro Fehler passieren, gibt es immer zwei ganz verschiedene Haltungen: „Oh, das darf der Chef unter keinen Umständen wissen" oder „Das müssen wir dem Chef sofort sagen". Ich kann nur die zweite Variante empfehlen, denn es kommt sowieso immer raus, wenn Fehler gemacht worden sind. Dann sollte man auch dazu stehen, den Fehler einräumen und versuchen, es beim nächsten Mal besser zu ma­chen. Viele Politiker neigen dazu zu sagen: „Das ist ein Missverständnis, da haben Sie mich falsch verstan­den". Oder: „Nicht ich bin schuld, sondern andere". Nein, jeder Mensch macht mal Fehler. Und es macht auch sympathisch, wenn man bereit ist, einen Fehler einzu­räumen. Als Politiker kann man das nicht jeden Tag machen, denn dann sagen die Leute: „Der ist ja überfor­dert".

Was wünschen Sie sich selbst für die weitere Zukunft im Besonde­ren und für Ihre Partei im Allge­meinen?

Bosbach: Persönlich würde ich gerne Opa werden. Aber meine Töchter halten sich diesbezüglich noch stark zurück. Und politisch wünsche ich mir vor dem Hintergrund des 70. Ge­burtstags des Grundgesetzes, dass wir die politische Stabilität nicht ver­lieren, die in vielen anderen Ländern verlorenzugehen scheint. Und dass wir weiterhin im Herzen Europas in Frieden und Freiheit leben und ein verlässlicher Partner sind.

 

Quelle: Fränkische Nachrichten
Autor: Klaus T. Mende