Bosbach: Eine Fülle von Legenden

Wolfgang Bosbach zeigt sich in einem DLF-Informationen am Morgen-Interview überzeugt, dass Wulff "in Zeiten, wo wir auch in der Europäischen Union zumindest in den letzten Wochen eine Reihe von schwierigen Debatten führen mussten, sicherlich in der Lage, auch die Menschen davon zu überzeugen, worauf es in Zukunft ankommt"

Frage: Wenn Sie beide Lebensläufe nebeneinander legen, ist Gauck nicht der wesentlich spannendere Kandidat?

Antwort: Er hat sicherlich einen sehr, sehr interessanten Lebenslauf. Ich kenne Gauck auch persönlich seit vielen Jahren und ich schätze ihn sehr. Kurzum, er ist ein ganz respektabler Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten.

Frage: Könnten Sie ihn wählen?

Antwort: Sicherlich könnte ich ihn wählen, wenn ich nicht der festen Überzeugung wäre, dass Wulff der richtige Kandidat ist für die bürgerliche Mehrheit in der Bundesversammlung. Es gibt viele gute Argumente für Gauck. Es gibt aber auch sehr, sehr viele gute Argumente für Wulff.

Frage: Inwiefern ist Wulff besser als Gauck?

Antwort: Es geht nicht darum, wer besser ist. Jeder hat seine Stärken. Vielleicht hat der Eine oder Andere auch seine Schwächen. Denn wenn ich ein Plädoyer gebe für Wulff, heißt das ja nicht, dass ich die Kandidatur oder gar die Person von Gauck abwerte.

Aber Wulff hat eine langjährige politische Erfahrung. Er hat bewiesen, dass er das Amt des Ministerpräsidenten von Niedersachsen in hervorragender Weise ausübt. Er ist sehr, sehr populär in der Bevölkerung. Er gehört zu den populärsten deutschen Politikern und das schon seit vielen Jahren. Ich habe überhaupt keinen Zweifel daran, dass er sich auch im Amt des Bundespräsidenten herausragend bewähren wird. Warum sollte ich ihn nicht wählen?

Frage: Wofür steht er denn inhaltlich?

Antwort: Inhaltlich ist Wulff sicherlich gerade noch relativ jung an Jahren, aber als ein sehr erfahrener Politiker in der Lage, dem Land in schwierigen Zeiten Halt und Orientierung zu geben. Er hat auch bewiesen, dass er über hervorragenden wirtschaftlichen Sachverstand verfügt und gerade in Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise und der Notwendigkeit der Bewältigung dieser Krise.

In Zeiten, wo wir auch in der Europäischen Union, zumindest in den letzten Wochen, eine Reihe von schwierigen Debatten führen mussten, ist Wulff sicherlich in der Lage, auch die Menschen davon zu überzeugen, worauf es in Zukunft ankommt.

Frage: Wulff soll, wird in Berlin gemunkelt, damit gedroht haben, in Hannover zurückzutreten, wenn Merkel ihn nicht nominieren würde. Hat Wulff diesen Druck ausgeübt?

Antwort: Keine Ahnung, da war ich nicht dabei, das kann ich mir nicht vorstellen. Wie soll das in der Praxis laufen? Ich bin der festen Überzeugung, dass jetzt eine Fülle von Legenden gewoben werden über das, was in den letzten Tagen geschehen ist. Aber dass sich die Bundeskanzlerin, dass sich die Führungsgremien von drei Parteien von einer Rücktrittsdrohung beeindrucken lassen und damit alle anderen möglichen Nominierungen vom Tisch nehmen, kann ich mir nicht vorstellen.

Frage: Das fiel aber doch schon auf. Mittwoch hieß die Präsidentin noch von der Leyen, Donnerstag war es Wulff.

Antwort: Ja, bei wem hieß sie? Vielleicht war es auch in der Presse. Ich habe das selber in den letzten Tagen miterlebt. Was glauben Sie, wie viele Kolleginnen und Kollegen hier schon gesagt haben, Sie können sich fest darauf verlassen, das ist von der Leyen.

Wenn ich dann gefragt habe, wie kommen Sie darauf, ja, das ist so. Man muss auch nicht alles glauben, was gesagt und was behauptet wird. Die Allerwenigsten, die sich jetzt zu diesem Thema öffentlich äußern, waren bei den Gesprächen überhaupt dabei, aber jeder weiß genau, wie es war.

Frage: Sind Sie sicher, dass ehemalige DDR-Bürgerrechtler und andere Opfer von SED und Stasi in der CDU nicht doch für Gauck stimmen werden...?

Antwort: Ja, da bin ich mir ziemlich sicher, denn ... es ist doch kein Misstrauensvotum gegen Gauck...

 

Das Interview führte Christoph Heinemann

Quelle: DLF (04.06.2010)