Bosbach: Es gab zunächst einmal Christen in Ägypten, bevor der Islam dorthin kam

Interview mit Wolfgang Bosbach im ARD Mittagsmagazin.

Frage: Wie groß ist die aktuelle Gefahr einzuschätzen, insbesondere jetzt bei uns, aber auch anderswo in Europa?

Antwort: Die Bedrohungslage ist Besorgnis erregend - leider auch für koptische Christen in Deutschland, denn es gibt Drohungen, die sich ausdrücklich an Frankreich, Großbritannien, aber eben auch an koptische Gemeinden in Deutschland richten...

Wir haben in Deutschland acht Gemeinden und zwei Klöster, und in der Nacht von Donnerstag auf Freitag dieser Woche begehen die koptischen Christen ihr Weihnachtsfest. Deswegen kann ich verstehen, dass unsere Sicherheitsbehörden alle Anstrengungen unternehmen, um die koptischen Christen auch bei uns in Deutschland besser zu schützen.

Frage: ... Was muss zum Schutz der Kopten in Deutschland jetzt passieren und wird genug getan?

Antwort: Zunächst einmal das Naheliegende, nämlich Personen- und Objektschutz. Aber die Sicherheitsbehörden werden sicherlich auch Reisebewegungen und Kommunikationsbeziehungen überwachen, und sie werden einen regen Informationsaustausch haben mit anderen Ländern, denn der internationale Terrorismus ist ... grenzüberschreitend, und deshalb brauchen wir gute internationale Kooperation.

Frage: Der Bischof der Kopten in Deutschland nennt die Reaktion deutscher Politiker auf das Attentat in Alexandria enttäuschend. Spricht von oberflächlichen Statements und fordert konkrete Folgen nach dem Terrorakt. Was kann Berlin in Ägypten bewirken? Was konkret wäre jetzt angemessen?

Antwort: An dieser Kritik vermisse ich eine konkrete Aussage, was denn der Bischof unter Taten deutscher Politiker in Ägypten versteht.

Es ist Aufgabe der Bundesregierung - und sie tut das auch, gerade in diesen Stunden -, mit der ägyptischen Regierung Kontakt aufzunehmen, um deutlich zu machen, nachträgliche Härte, die jetzt mit Sicherheit gezeigt wird, ist nicht so wichtig wie vorbeugender Schutz. Religionsfreiheit haben wir in Ägypten nur dann, wenn auch koptische Christen ihre religiöse Überzeugung so leben können wie Muslime.

Da darf man nicht vergessen, es gab zunächst einmal Christen in Ägypten, bevor der Islam nach Ägypten kam. Es geht also nicht um Folgen von Missionierung, sondern es geht darum, dass die große Minderheit von etwa acht Millionen koptischen Christen in (Ägypten) nicht nur verbal beschützt werden, sondern auch real...

Entscheidend ist doch nicht der Inhalt von Presseverlautbarungen oder von Statements von Regierungsmitgliedern, entscheidend ist zum Beispiel das, was anlässlich der Freitagsgebete in den Moscheen gepredigt wird.

Quelle: ARD Mittagsmagazin (04.01.2011)

Das Interview führte Hannelore Fischer