"Deutschland hat eine christlich-jüdische Tradition, keine islamische"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Jens Thorsten Schmidt, erschienen am 6. Februar 2015 in der Ibbenbürener Volkszeitung.

Herr Bosbach, Sie waren 22 Jahre lang Karnevalspräsident in Ihrer Heimatstadt Bergisch Gladbach. Hatten Sie eine Ahnung davon, dass es ganz im Norden von NRW eine närrische Hochburg gibt, nämlich Recke?

Nein, aber es gibt eine Reihe von karnevalistischen Hochburgen in Deutschland, wo man sie nicht unbedingt vermutet. Wir Rheinländer halten uns manchmal karnevalistisch für den Nabel der Welt, wir sind es aber nicht. Man sollte Respekt und Anerkennung denen zollen, die Karneval unter viel schwereren Bedingungen feiern als wir im Großraum Köln.

Die meistdiskutierten Themen dieser Tage sind sehr ernster Natur: islamistischer Terrorismus, Krieg in der Ukraine, griechische Schuldenkrise. Eignen die sich für das Bierzelt?

Es kommt weniger darauf an, welche Themen man anspricht, sondern wie. Entscheidend ist, dass man als Redner glaubwürdig und authentisch ist. Ich werde auch die von Ihnen genannten Themen ansprechen, aber sehr sachlich.

Zu Griechenland: Die Austeritätspolitik dort hat zu sozialen Verwerfungen geführt, die Arbeitslosenquote bei unter 24-Jährigen liegt zum Beispiel bei 50 Prozent. Kann es da verwundern, dass die Griechen diese Politik abgewählt haben?

Griechenland befindet sich in einer sozialpolitisch ausgesprochen schwierigen Lage, deshalb darf man sich nicht wundern, dass die Menschen Politiker wählen, die ihnen ein Ende aller Zumutungen versprechen. Aber das, was Syriza verspricht, hat das Land in eine katastrophale Lage geführt und das wird von vielen übersehen. Mit „Ende der Sparpolitik“ ist ja gemeint: Ausweitung der ohnehin viel zu großen Verschuldung. Man kann aber eine Schuldenkrise nicht lösen, indem man dem Schuldner immer weiter, immer höhere Kredite gewährt. Damit werden die Probleme nur größer und die nächste Regierung muss sich damit beschäftigen. Griechenland fehlt es nicht am politischen Willen, sondern an Wirtschaftskraft und Wettbewerbsfähigkeit.

Neuester Streitpunkt innerhalb der Großen Koalition ist die Arbeitsmigration: Die SPD will den Zuzug von Menschen aus Nicht-EU-Ländern mit einem Punktesystem gezielt steuern. Auch Teile der CDU sind dafür, Sie hingegen nicht. Wieso?

Zunächst wundert mich der Zeitpunkt der Debatte. In 2013 und 2014 hatten wir so viel Zuwanderung wie seit 20 Jahren nicht mehr: 800 000 netto. Es geht doch gar nicht um die Übernahme des kanadischen Modells, sondern um die Ausweitung der Zuwanderung, das sollte man auch ehrlich sagen. Zweitens: Das Zuwanderungsrecht in Kanada und den USA unterscheidet sich fundamental von dem in Deutschland. Bei uns gibt es, anders als in diesen Ländern, keine Quoten und keine Höchstzahlen. Unser Asylrecht ist beispielsweise ein einklagbares Individualrecht. Man pickt sich aber vom kanadischen Modell nur das Punktesystem heraus und will sonst alles lassen, wie es ist. Die Forderung ist schon deshalb schräg, weil die USA und Kanada eben nicht von 27 Ländern umgeben sind, deren Bürger freien Zugang zum eigenen Arbeitsmarkt haben.

Sie gehen davon aus, dass unser Fachkräftebedarf nur mit Deutschen und EU-Ausländern zu decken ist?

Nein, deswegen haben wir ja eine ganze Fülle von Zuwanderungsmöglichkeiten für Drittstaatsangehörige, die in Gesetzen sehr präzise geregelt sind. Und die besten Mittel gegen den Fachkräftemangel sind das Ausbilden von jungen Menschen und der Verzicht darauf, ältere Mitarbeiter aus dem Produktionsprozess heraus zu drängen.

Angela Merkel hat kürzlich Christian Wulff zitiert und gesagt: „Der Islam gehört zu Deutschland“. Warum haben Sie der Kanzlerin widersprochen?

Deutschland hat eine christlich-jüdische Tradition, keine islamische. Es ist auch hochproblematisch von „dem Islam“ zu sprechen, denn es gibt ganz viele, sehr unterschiedliche islamische Strömungen. Islam und Scharia sind untrennbar miteinander verbunden, die Scharia steht aber in weiten Teilen krassem Gegensatz zu unserer Rechts- und Werteordnung. Die Muslime gehören aber zu uns, das sind unsere Nachbarn, Kollegen, Sportkameraden.

Das kann man vielleicht abstrakt voneinander trennen, aber sagt man diesen vier Millionen Menschen dann nicht unterschwellig: „Ihr gehört nicht wirklich dazu“?

Deswegen sollte man ja klugerweise trennen: Zwischen Mitbürgern mit ausländischen Wurzeln und einem Begriff, der eben sehr vielschichtig ist. Ein Beispiel: Es gibt weltweit 23 Länder, in denen der Religionswechsel verboten ist, und alle berufen sich auf den Islam.

Aber kann man dem türkischen Gemüsehändler oder dem arabischen Taxifahrer vorhalten, was Regierungen anderer Länder beschließen?

Ich halte niemandem etwas vor. Übrigens: es gibt in Deutschland Millionen Atheisten. Ich habe noch nie jemanden sagen hören: „Der Atheismus gehört zu Deutschland.“

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie haben 2010 Ihre Krebserkrankung öffentlich gemacht. Dennoch sind Sie öffentlich so präsent wie kaum ein anderer Politiker. Wie schaffen Sie dieses Pensum?

Das frage ich mich auch jeden Tag. Aber ich werde nicht dadurch gesund, indem ich die Füße hochlege. Ich kenne auch meine Grenzen und versuche, diese nicht zu überschreiten. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass es mir nicht besser gehen würde, wenn ich nicht das tun würde, was ich wirklich gerne mache: Politik.