Heute wird um die jungen Talente gekämpft

Ein Geradeaus-Denker mit klarem Blick für politische und gesellschaftliche Zusammen¬hänge, ohne Scheu, Position zu beziehen: Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach ist auch nach dem Ende sei¬ner politischen Karriere ein gern gesehener Referent, der stets mitreißend und anschaulich das aktuelle Weltgeschehen kommentiert und treffsicher analysiert.

 Engagiert setzt sich WoBo, wie er schon seit seiner Kindheit genannt wird, für die Belange der jungen Generation ein. So war es denn auch eine Freude auf allen Seiten, ihn als Gastredner für die offizielle Eröffnungsveranstaltung der Berufs-Informations-Börse (BIB) der Berufsbildenden Schulen Syke im Februar 2019 erleben zu dürfen. Die alljährlich stattfindende BIB ist im Landkreis schon lange eine feste Institution als Kommunikationsforum zwischen Schülern in der Berufsorientierungsphase und regionalen Unternehmen auf der Suche nach geeigneten Auszubildenden.

Wolfgang Bosbach erinnerte das Publikum zunächst an den längst nicht überall selbstver­ständlichen Rahmen, der die Basis für jede wirt­schaftliche Entwicklung bietet: Seit über siebzig Jahren lebt Deutschland in einem äußerst stabilen politischen und gesellschaftlichen System. Und auch wenn die Fliehkräfte in Europa größer wür­den und die gesellschaftliche Bindungswirkung abnehme, sei Deutschland nach wie vor Rich­tungsgeber. „Das Land unterschätzt jedoch die Kraft und vor allem die Macht der Digitalisierung. Deutschland muss aufpassen, wirtschaftlich nicht abgehängt zu werden."

Der rasante Wandel von der Industrie- zur Digi­talgesellschaft betreffe nahezu jeden Beruf, dies müsse die junge Generation bei der Berufswahl bedenken. Die neuen Herausforderungen durch das veränderte Kommunikationsverhalten, das sich auch deutlich auf die sozialen Beziehungen auswirke, dürfe man nicht ignorieren. „Kaum jemand wird in Zukunft noch einen geraden Lebenslauf haben und bis zur Rente im selben Betrieb oder Fachbereich arbeiten. Brüche und Neuanfänge sind in Zukunft normal. Wir werden uns enorm anstrengen müssen, um weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Um dies zu schaf­fen, ist die Investition in die junge Generation unabdingbar. Sie brauchen Bildung, Bildung, Bil­dung!", wie Bosbach besonders hervorhob.

Auch der Profi-Politiker hat niemals mit dem Lernen aufgehört, wie er uns im Gespräch am Rande der Veranstaltung berichtete. Nach der Mittleren Reife absolvierte er zunächst eine Aus­bildung zum Einzelhandelskaufmann und arbei­tete als Supermarktleiter, ehe er auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nachholte, Rechtswis­senschaften studierte und schließlich mit 39 Jah­ren in eine Anwaltskanzlei in Bergisch Gladbach einstieg. Gleichzeitig war und ist er seit 1972 politisch sehr aktiv. „Wenn man auf Dauer beruf­lichen Erfolg haben will, gibt es zur stetigen Wei­terbildung keine Alternative. Die Welt ändert sich rasant, stetig gibt es neue Aufgaben und Heraus­forderungen. In der Politik resultierte der Ehrgeiz aus dem unbedingten Wunsch meine Wählerinnen und Wähler nicht zu enttäuschen und durch harte Arbeit Vorurteile gegenüber der Politik zu wider­legen."

Der rasante Fortschritt bietet für Auszubildende heutzutage völlig neue Möglichkeiten als noch vor wenigen Jahren. Mittlerweile werde um die jungen Talente gekämpft, wie es Wolfgang Bosbach recht drastisch ausdrückt. So manch ein Berufsanfänger wird inzwischen mit zahlreichen Vergünstigungen umworben, vom bezahlbaren Wohnraum, techni­scher Ausrüstung bis hin zur Bereitstellung eines Dienstwagens, dem sogenannten Azubi-Car.

Für Bosbach ist bei der Berufsentscheidung die Kombination von Interessen und Chancen wichtig, beides müsse dabei nicht identisch sein. „Was würde ich gern beruflich machen und welche Per­spektiven habe ich in diesem Bereich? Die Schüler sollten ruhig einmal Praktiker fragen, Menschen mit langjährigen Erfahrungen bei der Berufswahl", rät der Vater dreier erwachsener Töchter. Eltern und anderen Bezugspersonen gibt er diesen Rat: „Wie sonst im Leben und in der Erziehung (gilt) auch: Gut zuhören, Interesse zeigen, mit Rat und konkreter Hilfe den Nachwuchs auf den richtigen Weg bringen." Bosbach setzt aber auch auf Eigeni­nitiative, denn gehen müssten die Kinder den Weg dann allein. Wichtig seien aber auch ein gutes Bildungssystem und eine fundierte Berufsberatung, also Unterstützung durch die Profis der Arbeits­agenturen, Industrie-, Handels- und Handwerks­kammern.

 

Die junge Generation

braucht

Bildung,

Bildung,

Bildung!”

Wolfgang Bosbach

 

Sicher ist die Politik stark gefordert, um bes­sere Rahmenbedingungen für die Berufsbildung zu schaffen. Gleichzeitig arbeite die Bundesre­gierung laut Bosbach kontinuierlich daran, für die deutsche Wirtschaft verlässliche Rahmenbedin­gungen, eine funktionierende Infrastruktur, faire Wettbewerbsregeln und Marktchancen zu schaf­fen. Aber die Politiker stünden nicht allein in der Pflicht, „wer nicht ausbildet, soll nicht zur Politik kommen und klagen. Die Wirtschaft sollte sich mal darum kümmern, dass mehr als nur 20 Prozent der Betriebe ausbilden, 8o Prozent verlassen sich darauf, geeignetes Personal zu finden, das von anderen qualifiziert wurde." Diese Zahlen bestä­tigt der Berufsbildungsbericht: Nur jedes fünfte Unternehmen in Deutschland bildet aus, was dem Fachkräftemangel in Zukunft noch mehr Vorschub leisten wird.

 

Das beste Mittel gegen den Fachkräftemangel

ist die Ausbildung im eigenen Betrieb.” Wolfgang Bosbach

 

Gleichzeitig gibt es insgesamt mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, das manche Berufe hinsichtlich ihrer Arbeits- und Gehaltsbedingungen unat­traktiv für die Schüler zu sein scheinen. „Das beste Mittel gegen den Fachkräftemangel ist die Ausbildung im eigenen Betrieb", so Bosbach.

Die Attraktivität eines Berufes ergibt sich aus der Kombina­tion von Aufgabe, Arbeitsbedingungen, Bezahlung und Perspek­tiven. Die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Wirtschaft und Staat ist dabei klar geregelt: „Außerhalb staatlicher Insti­tutionen ist es Aufgabe von Arbeitgebern und den Vertretern der Arbeitnehmerschaft. Der Staat garantiert den gesetzlichen Mindestlohn, ansonsten ist die Lohnfindung Sache der. Tarifpartner. Der Staat kann Anreize geben, fördern, unterstützen, aber er kann nicht die Aufgaben der privaten Wirtschaft übernehmen. Der Staat ist nicht für restlos alles zuständig und verantwort­lich."

Laut Bosbach seien aber auch die äußeren Rahmenbedin­gungen bei der Entscheidung für einen Beruf wichtig und spielt dabei auf die Standortvorteile von Städten und Gemeinden an. Wenn Politik und Wirtschaft die jungen Leute in der Region hal­ten wollten, müssten sie die Standortvorteile im Hinblick auf die weiteren technologischen und gesellschaftlichen Entwick­lungen ausbauen. Hier sei auch ganz klar die Verwaltung der Stadt gefordert: „Ich wohne derart ländlich, ländlicher ist kaum möglich. Ich möchte auch nicht tauschen. Wichtig sind: eine funktionierende Infrastruktur, klassisch (z.B. gute Verkehrsan­bindungen, Anmerk. der Red.) und digital (stabiles und schnel­les Internet und Mobilfunk, Anmerk. der Red.), gute Bildungsan­gebote für den Nachwuchs, Stichwort ortsnahe Schulen, aber auch ein hinreichendes Angebot an ortsnahen Arbeitsplätzen."

Den jungen Leuten möchte Wolfgang Bosbach vor allem eines mit auf den Weg geben. Sie sollten sich auf ihre Stärken besinnen und gleichzeitig optimistisch in die Zukunft schauen. Um nicht abgehängt zu werden, müsse man „lernen, lernen, lernen". Doch in diesem Punkt hat Wolfgang Bosbach vollstes Vertrauen in die heutige Jugend: „Ihr packt das, nur Mut! Und bei Kummer über die Politik: Nicht nur klagen, sondern handeln und es selbst besser machen."

Seine Eröffnungsrede zur BiB in Syke schließt Wolfgang Bos-bach, der selbst als Supermarktleiter in seinen ehemaligen Aus­bildungsbetrieb zurückkehrte, mit einem guten Rat an die anwe­senden Unternehmer ab: „Gehen Sie immer pfleglich mit Ihren Lehrlingen und Auszubildenden um, sie könnten eines Tages Ihre Chefs werden."

 

Quelle: Made in Syke
Autoren: Cristina Hartmann und Claudia Schneider