Interview mit Wolfgang Bosbach zum Amoklauf von Ludwigshafen

Frage:
Wieder ein Amoklauf an einer deutschen Schule. Haben wir bereits amerikanische Verhältnisse?

Bosbach:
So schrecklich die Tat von Ludwigshafen auch ist, die Polizei hat gute Gründe, bewusst nicht von einem Amoklauf zu sprechen. In den letzten Jahren hat es allerdings eine erschreckende Häufung derartiger Taten gegeben. Dennoch sollte man nicht vorschnell von amerikanischen Verhältnissen sprechen. So haben wir z.B. ein wesentlich strengeres Waffenrecht als die meisten Bundesstaaten der USA.

Frage:
Einmal mehr stellt sich die Frage nach möglichen Konsequenzen. Wie kann man die Schulen sicherer machen?

Bosbach:
Nach einem derart dramatischen Vorfall wird wahrscheinlich wieder die Forderung erhoben, die Schulen durch strikte Eingangskontrollen noch sicherer zu machen. Zwar werden wir immer wieder überlegen müssen, welche zusätzlichen Sicherungsmaßnahmen nötig und möglich sind, aber wir können unsere Schulen nicht zu Hochsicherheitstrakten umbauen. Schulen sind ja nicht nur Orte des Lehrens und Lernens sondern auch gesellschaftlicher Mittelpunkt von Städten und Gemeinden. Schüler und Lehrer wollen sich ja ganz bewusst nicht von ihrer Umgebung abschotten, sondern auch für außerschulische Veranstaltungen öffnen. Hundertprozentige Sicherheit wird es leider auch an unseren Schulen nicht geben können. Wichtig ist, dass man auf die Abwehr solcher Gefahren gut vorbereitet ist, dass es funktionierende Alarmvorrichtungen und praxistaugliche Alarmpläne gibt. In Ludwigshafen hat man rasch und professionell reagiert.

Frage:
In der Vergangenheit wurde nach solchen Taten immer der Ruf nach gesellschaftlichen Konsequenzen laut.

Bosbach:
Es ist noch viel zu früh, über praktische Konsequenzen zu sprechen, zunächst einmal müssen die genauen Hintergründe der Tat aufgeklärt werden. Wir kennen zum jetzigen Zeitpunkt weder die Motive des Täters noch Einzelheiten der Tatplanung und der Tatausführung aber sicherlich wird das Thema Gewalt in der Gesellschaft erneut intensiv diskutiert werden. Aber hoffentlich nicht nur unter dem Gesichtspunkt politischer oder rechtlicher Konsequenzen, denn die beste Prävention ist immer noch eine Erziehung zu Gewaltlosigkeit und Toleranz und Zuwendung gegenüber den Mitmenschen.

Frage:
Immer wieder stellt sich die Frage nach Änderungen des Waffenrechts. Sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Bosbach:
Nach jetzigem Erkenntnisstand gibt es überhaupt keinen Grund, erneut über das Waffenrecht zu debattieren, das wir in den letzten 10 Jahren 3 mal nicht unerheblich verschärft haben. Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht erkennbar, dass erst unser Waffenrecht die Tatausführung ermöglicht hat, so dass ich nicht sehe, welche Konsequenzen diesbezüglich gezogen werden sollten.
 

Das Interview führte Andreas Herholz