Nachlese zur Sendung Günther Jauch vom 1. Februar 2015 - SPIEGEL ONLINE und die Fakten

Nach der Sendung erschien in SPIEGEL ONLINE ein Artikel, in dem es u. a. wörtlich hieß:

" 'Der estnische Rentner soll nicht dafür bezahlen, dass es Weihnachtsgeld in Griechenland gibt', so Bosbach. Das sei 'doppelzüngig', so Lucke. 'Wer hat den estnischen Rentner in den Haftungsverbund reingeführt?' fragte der AfD-Mann. 'Ihre Partei hat das doch beschlossen.' 

Ausgerechnet die Esten. Tatsächlich war Estland im Jahre 2012 - also zum Höhepunkt der Griechenland-Krise - der größte Nettoempfänger der EU. Pro Kopf gerechnet entfielen auf jeden Bürger und jede Bürgerin des Baltenstaates 589 Euro aus der EU. Der estnische Rentner zahlt griechisches Weihnachtsgeld? Man hätte sich ein bisschen Faktencheck im 'Hart aber fair'-Stil gewünscht." 

So weit, so irreführend.

Dies bemerkte auch ein aufmerksamer Leser: Herr M. H., der wunschgemäß einen Fakten-Check unternahm, und folgendes feststellte:

"Fakten-Check – Bitteschön: Aussage zu 2012 stimmt. Aber wenn man den gesamten Zeitraum betrachtet, seitdem Estland und Griechenland in der EU sind (2004) bis 2012 (Zahlen für 2013 fehlen zu GRC und sind für Estland rückläufig), ergibt sich, dass Griechenland pro Kopf fast 40 Prozent mehr erhielt als Estland!!

Aus unten stehenden Daten ergibt sich: Nettozahlungen von EU pro Kopf von 2004-2012 an:

Estland: 2.244 Euro
Griechenland: 3.096 Euro

… und das bei einem BIP pro Kopf, welches 2004 in Griechenland mehr als doppelt so groß war wie in Estland (16.800 vs. 7.200 Euro) und 2012 in Griechenland weiterhin über dem Wert von Estland lag (17.400 vs. 13.000 Euro)

Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Griechenland erhielt seit 2004 pro Kopf unterm Strich deutlich mehr Geld als Estland (fast 40 Prozent), obwohl sein Wirtschaftsleistung pro Kopf 2004 nicht einmal halb so groß war wie die Griechenlands. Allerdings ist die estnische Wirtschaft von 2004 bis 2012 etwa 20mal so schnell gewachsen, wie die Griechenlands, trotz weniger Geldes aus Brüssel.

Estland zeigt: Wenn Hilfsgelder mit guten Rahmenbedingungen zusammentreffen, sind bemerkenswerte Erfolge möglich!"

Mit anderen Worten: Die entscheidenden Fakten hat SPIEGEL ONLINE unterschlagen und somit einen völlig falschen Eindruck erzeugt. Warum? Gute Frage! Eigentlich gibt es dafür nur eine Erklärung: Es musste unbedingt Kritik her, ganz gleich, ob berechtigt oder unberechtigt. Hauptsache, Bosbach hat unrecht, auch wenn er recht hat.

P.S.: Dass es in meinem Statement bei Günther Jauch nicht um "griechisches Weihnachtsgeld" ging, sondern um 700 Euro Weihnachtsgeld für jeden griechischen Rentner - während die Durchschnittsrente in Estland nur 350 Euro pro Monat beträgt - hatte der Spiegel-Autor komplett "übersehen".