"So was kann nicht spurlos an einer Partei vorübergehen"

Wolfgang Bosbach äußerte sich in einem NDR-Mittagsecho-Interview über den "erheblichen personellen Aderlass" der CDU, lehnt es aber ab dies auf die Führungsart der Kanzlerin zurückzuführen.

Frage: Frau Merkel allein zu Hause - ist das bald so?

Antwort: Nein... Frau Merkel war nie alleine und wird auch in Zukunft nicht alleine sein... Das war ein erheblicher (personeller) Aderlass, den wir in den letzten Monaten erleiden mussten, so was kann gar nicht spurlos an einer Partei vorübergehen...

Frage: Lehnen Sie die Interpretation völlig ab, dass das mit der Führungsart der Kanzlerin, der Parteivorsitzenden zu tun haben muss?

Antwort: Die Interpretation ist deshalb nicht überzeugend, weil ja die Gründe ganz verschiedene sind... Es ist wirklich ein Kurzschluss, zu sagen, weil so viele aus ihren Ämtern ausgeschieden sind oder in Kürze ausscheiden, muss es an Angela Merkel liegen, das ist ein bisschen sehr schlicht.

Frage: Und doch heißt es immer wieder, sie regiere zu Ich-bezogen, nehme keinerlei Rücksicht auf die Partei. Ähnliche Symptome gab es Ende der 90-er Jahre, kurz vor dem Amtszeitende von Kohl. Da war von Kanzlerdämmerung die Rede. Dämmert es jetzt auch bei der Kanzlerin?

Antwort: Nein, und zwar glaube ich nicht, dass wir eine vergleichbare Situation haben wie nach 16 Jahren Kanzlerschaft Helmut Kohls. Ganz einfach deshalb, weil wir jetzt mit einer neuen, mit der Wunschkoalition, mit der FDP an den Start gegangen sind. Weil dieser Start nicht so toll gelungen ist ..., und weil wir uns ja gerade nach der Bundespräsidentenwahl vorgenommen haben, dass die letzten drei Jahre besser werden als das erste Jahr dieser Wahlperiode - das heißt, die Regierung hat sich jetzt noch eine ganze Menge vorgenommen, sie ist nicht am Ende, sondern erst am Beginn ihrer Arbeit.

Frage: Wäre die CDU für Neuwahlen, für Schwarz-Grün in Hamburg?

Antwort: ... Ich sehe das sehr, sehr nüchtern und frage mich aus der Sicht eines Unionspolitikers, was heißt das für meine Partei und für das Land? Ich bin der Überzeugung, dass wir nicht nur hohe, sondern zu hohe Preise zahlen müssten, in der Bildungspolitik, bei Energie, bei der Infrastrukturpolitik, bei Zuwanderung, bei innerer Sicherheit. Ich glaube, dass die Schnittmengen zwischen Schwarz und Grün nicht oder noch nicht groß genug sind, um eine wirklich tragfähige Koalition bilden zu können...

 

Das Interview führte Gertrud Sterzl

Quelle: NDR Mittagsecho (19.07.2010)