"Vaterlandsliebe ist eine gute Sache..."

Ein Interview mit Wolfgang Bosbach im AUGSBURG JOURNAL

AUGSBURG JOURNAL: Herzlich willkommen in Augsburg, Herr Bosbach. Waren Sie schon mal hier?

Wolfgang Bosbach: Vor gut 20 Jahren. Es war damals – leider – genauso wie jetzt: Eintreffen kurz vor einer Veranstaltung und Abreise noch am selben Abend. Schade, denn dann hat man viel zu wenig Zeit, die Stadt und ihre Menschen wirklich kennenzulernen.

Dann waren Sie auch nie beim AEV? Sind Sie als Verwaltungsratsmitglied der Kölner „Haie“ nicht mal mit den Kufencracks unterwegs?

Wenn ich Zeit habe, sehe ich mir gerne ein Heimspiel der „Haie“ an. Auf Reisen war ich mit der Mannschaft noch nie. Zur Vermeidung möglicher Missverständnisse: Mein ehrenamtliches Engagement gilt der Amateurabteilung.

Und der FC Augsburg?

Claudia Roth hat mich schon mehrfach eingeladen, wenn mein geliebter 1. FC Köln beim FCA zu Gast ist – leider hat das bis heute nicht geklappt. Das bedauere ich wirklich, denn Claudia Roth hat jedenfalls vom Fußball viel Ahnung. – Apropos FCA: Ich war übrigens live dabei, als der FCA-Torwart Marwin Hitz im Kölner Stadion den Elfmeterpunkt malträtiert hat. Mein erster Gedanke war: „Was macht der denn da?“ – aber als unser Schütze ausgerutscht ist, wusste ich, was der Zweck der Übung war.

War doch clever von Hitz?

Aus Sicht des FCA ja, aus Kölner Sicht allerdings unsportlich. Es war gut, dass beide Vereine die Aktion mit Humor genommen haben. Wenn der FCA sein nächstes Auswärtsspiel in Köln bestreitet, sind wir allerdings gründlich vorbereitet: Sobald Augsburg ins Stadion einläuft, haben wir in den beiden Strafräumen mindestens zwei Elfmeterpunkte. Einen kann Hitz dann gerne bearbeiten, wir nehmen dann denn unbeschädigten – und diesen Ball wird der FCA-Schlussmann mit Sicherheit nicht halten können.

Nochmal zum Sport: Welche Position spielen Sie beim FC Bundestag?

In fast allen meiner bislang 90 Spiele bin ich entweder als rechter Verteidiger aufgelaufen oder auf der 6er-Position – ich habe mich in der eigenen Hälfte immer wohler gefühlt, als im Strafraum des Gegners, auch weil ich dort unsere hochbegabten Stürmer mit meinen eher rustikalen Fähigkeiten nicht stören wollte. Das kann man auch daran erkennen, dass ich bislang nur zwei magere Törchen für unsere Elf erzielen konnte.

Also ein Rechtsaußen, passt ja irgendwie auch politisch, oder?

Auf diesen Spruch habe ich gewartet. Ich gehe davon aus, dass Sie das nicht ganz ernst meinen, obwohl man heute in der Tat sehr schnell in die rechtspopulistische oder gar rechtsextreme Ecke gestellt wird. Ich liebe meine Heimat, mein Land, und halte Patriotismus für eine sympathische Eigenschaft. Der Nationalismus hat viel Leid über Deutschland und Europa gebracht, Nationalisten wollen wir nicht mehr sein. Aber Patriotismus ist Vaterlandsliebe, und Vaterlandsliebe ist eine gute Sache.

Ihr Thema in Augsburg ist Deutschland vor der Wahl 2017. Wie ist – kurz zusammengefasst – Ihrer Ansicht nach die Lage?

Wir stehen national wie international vor großen Aufgaben und Herausforderungen. Der Brexit und seine Folgen sind hierfür nur ein Beispiel. Weitere wären: Bewältigung der Flüchtlingskrise und Bekämpfung der Fluchtursachen, Kampf gegen den internationalen Terrorismus oder Stabilisierung des Euro-Raums und Korrektur der EZB-Politik, die schon seit geraumer Zeit zu einer Enteignung der Sparerinnen und Sparer führt. Allerdings haben wir in dieser Wahlperiode nur noch wenig Zeit, um die Probleme nachhaltig zu lösen. Rechnet man die parlamentarischen Sommerpausen und die Wahlkampfzeit ab, bleibt uns im Bundestag nur noch ein knappes Jahr bis zum nächsten Wahltermin im September 2017.

Und Griechenland? Hier haben Sie ja die Hilfspolitik immer wieder scharf kritisiert. Das Problem ist ja auch noch nicht gelöst.

Wenn die erwähnte Hilfspolitik Griechenland tatsächlich geholfen hätte, müsste die Lage dort heute völlig anders sein, als sie tatsächlich ist. Fakt ist, dass heute – gut sechs Jahre nach Ausbruch der Krise dort – Griechenland eine höhere Verschuldung hat, als vorher, dass die Kreditausfallrisiken mittlerweile fast ausschließlich bei den Steuerzahlern in Europa liegen und dass die Wirtschaftsleistung des Landes deutlich gesunken ist. Griechenland hat es noch nie an finanziellen Hilfen gefehlt! Griechenland fehlt es an Wirtschaftskraft, Exportstärke und Wettbewerbsfähigkeit. Das alles zeigt: Eine Krise, die durch Überschuldung entstanden ist, kann man nicht durch immer neue Kredite und eine Erhöhung des Schuldenstandes lösen.

Noch eine Frage zum Top-Thema „Vertriebene und Flüchtlinge“. Damit haben Sie sich schon immer beschäftigt. Wo führt die aktuelle Situation hin? Wo sehen Sie Lösungen?

Das traurigste Kapitel der Flüchtlingspolitik trägt die Überschrift „Europa“. Gerade in der Flüchtlingspolitik zeigt sich die riesengroße Diskrepanz zwischen der europäischen Rhetorik und der europäischen Realität. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen sind wir in Europa meilenweit von der europäischen Solidarität entfernt. Deutschland hat im vergangenen Jahr mehr Flüchtlinge aufgenommen, als alle anderen 27 EU-Staaten zusammen. Und nach wie vor weigern sich viele EU-Staaten, bei der Aufnahme von Flüchtlingen ihren angemessenen Anteil zu tragen. Im Oktober 2015 hat die EU zur Entlastung von Griechenland und Italien die Verteilung von 160.000 Flüchtlingen beschlossen. Stand heute sind gut ein Prozent verteilt worden. Wenn wir in diesem Tempo weitermachen, verteilen wir diese Flüchtlinge noch in 60 Jahren.

Kann man dagegen etwas tun?

Natürlich kann man das – dafür muss man allerdings auch den politischen Willen haben, insbesondere in der EU-Kommission und im Europäischen Parlament. Bei den Ländern, die sich – nach wie vor – standhaft weigern, in angemessener Zahl Flüchtlinge aufzunehmen, handelt es sich weit überwiegend um solche Staaten, die mit weitem Abstand die meisten finanziellen Hilfen der EU erhalten. Wenn diese Länder weiterhin bei ihrer Weigerung bleiben, Flüchtlinge aufzunehmen, muss das finanzielle Konsequenzen haben. Anders formuliert: Diejenigen Länder, die besonders viele Flüchtlinge aufnehmen und dadurch mit besonders hohen Integrationskosten belastet sind, müssen finanziell entlastet werden.

Sie waren oft ein Kritiker der Kanzlerin Angela Merkel. Hat sie 2017 überhaupt noch eine Chance, falls sie wieder antritt?

Abgesehen davon, dass das kleine Wörtchen „oft“ wirklich übertrieben ist, steckt in dieser Frage eine Feststellung, die leider nur halb richtig ist: Bei keinem einzigen Thema vertrete ich eine Position, die nicht auch einmal die Position meiner Partei war. Wohlgemerkt: War! Wenn man mir vorwerfen möchte, dass ich nicht schnell genug in der Lage bin, meine politische Haltung zu ändern, wäre diese Kritik nicht falsch. Ich gehe davon aus, dass Angela Merkel 2017 erneut als Kanzlerkandidatin von CDU und CSU antritt, und dass die Union mit Angela Merkel gute Chancen hat, bei der nächsten Bundestagswahl wieder die mit großem Abstand stärkste politische Kraft zu werden. Allerdings sind Prognosen mehr als ein Jahr vor dem Wahltermin sehr mutig. Die Zeit ist sehr schnelllebig. Bis September 2017 kann sich noch viel ändern.

Ist das Ziel, stärkste politische Kraft zu bleiben, noch zu schaffen?

Richtig ist, dass die Bindungskraft der großen Volksparteien in den letzten Jahrzehnten deutlich geringer geworden ist. Als ich 1972 mit der politischen Arbeit begonnen habe, betrug die Bindungswirkung gut 90 Prozent, heute sind es nach allen Umfragen maximal 55 Prozent. Wenn fünf, oder gar sechs Parteien eine realistische Chance haben, in den Bundestag einzuziehen, dann dürften absolute Mehrheiten nicht mehr zu erzielen sein, also geht es um die Bildung von Koalitionen. Viele sind rechnerisch möglich, aber nur wenige politisch. Aus der Sicht der Union ist entscheidend, dass das bürgerliche Lager im Bundestag wieder eine Mehrheit erhält, damit keine rot-rot-grüne Koalition gebildet werden kann. Zwar hat die SPD immer wieder beteuert, auf Bundeseben käme eine solche Koalition nicht in Betracht, aber das habe ich noch nie geglaubt.

Mit Verlaub, Herr Bosbach: Sie sind bekannt wie ein bunter Hund. Im Politbarometer lagen Sie kürzlich gar vor der Kanzlerin, obwohl Sie nie Minister oder Staatssekretär waren. Sie haben viele Funktionen etwa als Mitglied im ZDF-Fernsehrat. Und sie waren 2015 Juror bei der Miss Germany-Wahl. Wie passt das alles zusammen?

2016 auch! Warum sollen Abgeordnetenmandat und Freude an schönen Dingen des Lebens unvereinbar sein? Mir macht die Jury-Tätigkeit im Europapark Freude und vor allen Dingen für meine Töchter wäre es eine herbe Enttäuschung, wenn ich nicht mehr als Juror eingeladen würde. Aus Gesprächen und Zuschriften weiß ich, dass die Bürgerinnen und Bürger bei Politikern Geradlinigkeit und Zuverlässigkeit schätzen – und zwar völlig unabhängig davon, ob ein Mandatsträger ein Staatsamt innehat oder nicht. Für mich war es immer wichtig, das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler nicht zu enttäuschen und mich politisch nicht verbiegen zu lassen – und wenn das positiv registriert wird, kann dieser Weg nicht falsch sein.

Was darf man noch erwarten? Wie planen Sie Ihre Zukunft, treten Sie 2017 nochmal an, obwohl Sie bekanntlich gesundheitlich angeschlagen sind? Und wie gehen Sie mit den Krankheiten um, die man Ihnen in den vielen TV-Auftritten ja nicht anmerkt?

Es ist, wie es ist! Ich versuche, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen und trotz ein paar Wehwehchen nicht den Kopf hängen zu lassen. Es würde mir auch nicht besser gehen, wenn ich Tag für Tag über meine Herzschwäche oder die Krebserkrankung grübele, also arbeite ich nach dem Motto: Immer weiter! Ob ich 2017 noch einmal antrete, werde ich gegen Ende der parlamentarischen Sommerpause entscheiden, das habe ich so mit meinem CDU-Kreisverband vereinbart. Für die Prognose einer erneuten Kandidatur gilt der schöne Satz von Franz Beckenbauer: „Schau’n mer mal!“

 

Das Interview erschien im Augsburg Journal / August 2016.