"Viel schlimmer wäre es, gegen meine politische Überzeugung zu handeln."

Wolfgang Bosbach im Interview mit Stephanie Dittebrandt.

Wie geht es Ihnen?

Wolfgang Bosbach: Politisch erlebe ich gerade die spannendste Phase in meiner 21-jährigen parlamentarischer Arbeit im Deutschen Bundestag. Gesundheitlich versuche ich nach wie vor, aus einer schwierigen Situation das Beste zu machen.

Sie haben bei Günther Jauch gesagt, dass Sie nie und nimmer gegen Ihre eigenen Überzeugungen handeln würden. Kostet Sie diese Einstellung sehr viel Kraft?

Bosbach: Wenn man 43 Jahre politisch aktiv ist, dann weiß man, dass man in der Politik auch Kompromisse machen muss. Wenn man ein bestimmtes politisches Ziel nicht sofort erreichen kann, dann muss aber man zumindest versuchen, diesem Ziel ein Stück näher zu kommen. Unter keinen Umständen sollte man in die entgegengesetzte Richtung laufen. Deswegen werde ich den Weg in eine Transferunion nicht mitgehen.

Haben Sie diese Einstellung erst durch Ihre Krankheit gewonnen?

Bosbach: Im Grunde geht es bei allen Wahlen um Vertrauen. Wir werben um das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler in unsere Politik und auch ganz persönlich. Wenn man dieses Vertrauen gewonnen hat, darf man es auf keinen Fall enttäuschen. Im Privatleben ist es wie in der Politik: Man kann in wenigen Sekunden Vertrauen verspielen und braucht dann Jahre, um dieses Vertrauen wieder aufzubauen.

Sie arbeiten immer noch sehr viel, treten regelmäßig in Talk-Shows auf und verbreiten trotzdem überall gute Laune. Woher nehmen Sie diese Power?

Bosbach: Dass ist wohl die Mischung aus rheinischer Fröhlichkeit und preußischer Gewissenhaftigkeit (lacht). Von meiner ganzen Natur bin ich hundertprozentiger Rheinländer. In Punkto Gewissenhaftigkeit bin ich hundertprozentiger Preuße. Außerdem bin ich der Überzeugung, dass die Politik nicht besser wird, wenn wir Politiker schlecht gelaunt sind.

Bei Günther Jauch haben Sie klargemacht, dass Sie unter Umständen sogar zurücktreten würden. Wie schlimm würde Sie ein Rücktritt tatsächlich persönlich treffen?

Bosbach: Viel schlimmer wäre es, wenn ich gegen meine Überzeugungen handeln würde!

Könnten Sie sich ein Leben ohne Politik vorstellen?

Bosbach: Nein. Ich werde immer politisch engagiert und interessiert bleiben.

Wie hat sich Ihr Leben seit Ihrer Krebs-Diagnose verändert?

Bosbach: 58 Jahre meines Lebens bin ich nur zum Arzt gegangen, wenn es sich überhaupt nicht mehr vermeiden ließ. Ich war auch nie bei einer Vorsorgeuntersuchung. Heute nehme ich Arzt-Termine sehr gewissenhaft wahr. Auch die Therapie nehme ich nicht auf die leichte Schulter, sondern folge den Ratschlägen der Ärzte.

Gibt es Tage, an denen Sie auch mal verzweifelt sind?

Bosbach: Ab und zu hadere ich natürlich mit meinem Schicksal. Dann stelle ich mir die Frage, warum es mich gleich zweimal erwischen musste. Seit 1994 habe ich eine chronische Herzerkrankung. Ich trage seit 2006 einen Herzschrittmacher mit Defibrillator. Dann kam noch der Krebs dazu. Da fragt man sich natürlich, ob das alles sein muss. Aber solche Phasen gehen auch schnell wieder vorbei.

Erleben Sie die Zeit mit Familie und Freunden heute anders als früher?

Bosbach: Ich versuche wirklich mir genügend Freiräume zu schaffen, damit Familie und Freunde nicht zu kurz kommen. Aber das gelingt aufgrund meiner politischen Arbeit viel zu selten. Es gibt schon eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung – auch zu meiner politischen Position. Viele schreiben: „Bosbach vereinsamt in der CDU“. Meine Erlebnisse an der Parteibasis sind aber völlig andere. Der persönliche Zuspruch ist da ausgesprochen groß.

Welche Resonanz bekommen Sie auf Ihren offenen und positiven Umgang mit dem Thema Krebs?

Bosbach: Am Anfang war ich skeptisch, ob es wirklich klug war, so offen Auskunft über meine Erkrankung zu geben. Doch die Reaktionen haben mich eines Besseren belehrt. Eine Krebs-Diagnose ist aber wirklich nichts, wofür man sich entschuldigen oder rechtfertigen müsste. Viele Leute haben mir gesagt oder geschrieben: „Respekt, im Umgang mit der Krankheit sind Sie ein Vorbild für mich!“

Welche Pläne haben Sie für Ihre Zukunft?

Bosbach: Im Grunde mache ich keine großen Zukunftspläne. Ich bin vielmehr von morgens bis abends damit beschäftigt, mein Arbeitspensum zu schaffen. Für die Zeit danach habe ich mir fest vorgenommen, einige Plätze auf der Welt zu entdecken, an denen ich noch nicht war. Ende Januar waren wir mit Freunden eine Thailand-Reise unternommen. Das war ein großartiges Erlebnis für mich. Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Sie haben ja eine Biographie geschrieben ...

Bosbach: Nee! Diese Biographie hat Anna von Bayern über mich geschrieben. Die vielen positiven Reaktionen zeigen mir, dass es ein wirklich gelungenes Buch geworden ist. Zu 99 Prozent bin ich mit dem Inhalt einverstanden. Nicht so gut fand ich, dass das Buch mit meiner Erkrankung beginnt. Außerdem zeigt das Buchcover einen eher traurigen Wolfgang Bosbach. Dabei bin ich ein von Herzen fröhlicher Mensch.

Könnten Sie sich ein ruhiges Rentner-Leben für sich vorstellen?

Bosbach: Nein, ich muss immer in Bewegung sein. Schaukelstuhl und Pantoffel kann ich mir für mich nicht vorstellen (lacht)!

 

Das Interview ist in der Ausgabe 26/2015 des Magazins "Das Neue" erschienen.