"Was haben Sie gegen die Griechen?" Wolfgang Bosbach: "Nichts."

Wolfgang Bosbach im Interview mit Helmut Uwer.

Was haben Sie gegen die Griechen?

Wolfgang Bosbach: Nichts.

Warum wollen Sie ihnen dann nicht helfen?

Bosbach: Dem ersten Hilfspaket für Griechenland habe ich zugestimmt in der Hoffnung, dass folgende Erwartung der Bundesregierung aufgeht: Wir helfen Griechenland für eine begrenzte Zeit bei der Überwindung der finanziellen Probleme. Im Gegenzug setzt Griechenland durchgreifende Reformen um, damit das Land aus eigener Kraft an die Finanzmärkte zurückkehren kann. Dieser Plan ist nicht nur nicht aufgegangen, die Lage ist vielmehr immer schwieriger geworden. Die Haftungsrisiken der Gläubiger werden immer größer. Griechenland fehlt es nicht an politischem Aktionismus, sondern an einer leistungsfähigen Volkswirtschaft und an einer wirklich effizienten Verwaltung. Daran würden neue Milliarden überhaupt nichts ändern

Ist Griechenland am Monatsende endgültig am Ende?

Bosbach: Keineswegs ist Griechenland am Ende, wenn das Land selbst zu der Erkenntnis käme, dass man es unter den Bedingungen des Euro nicht schaffen kann und daher zu einer eigenen Währung zurückkehren müsste. Darin könnte sogar eine neue Chance für das Land liegen. Allerdings wird man Griechenland dann für eine Übergangsphase helfen müssen – nicht wegen der jetzigen Regierung, die uns alle in Atem hält, sondern wegen der elf Millionen Einwohner des Landes.

Agiert Tsipras nicht äußerst geschickt, indem er Merkel immer stärker in die Rolle der obersten Richterin erhöht?

Bosbach: Herr Tsipras möchte gerne die ganze Verantwortung im Bundeskanzleramt abladen. Das kann ihm allerdings nicht gelingen, denn es ist seit 2010 klar, dass es keine Verhandlungen zwischen Griechenland und Deutschland gibt, sondern zwischen den drei Institutionen und Griechenland. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Aber nicht mehr. Wir tragen die höchsten Risiken, weil wir die höchsten Beträge für eine wirtschaftliche Erholung des Landes zur Verfügung stellen. Aber wir entscheiden nicht allein, sondern gemeinsam mit den Staaten der Euro-Zone.

Kann eine falsche Entscheidung den Anfang vom Ende für Bundeskanzlerin Merkel bedeuten?

Bosbach: Ich sehe keine Verbindung zwischen den jetzt anstehenden Entscheidungen und der Arbeit der Bundeskanzlerin in den kommenden Jahren. Sie genießt in Deutschland und in der Welt überragendes Vertrauen. Auch ich habe großes Vertrauen. Auch wenn ich bei diesem Thema eine andere Auffassung habe.

Wie ist die Stimmung in der Fraktion?

Bosbach: Insbesondere bei denjenigen, die bis jetzt immer mit Ja gestimmt haben, setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass alle bisherigen Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg hatten und dass auch weitere Milliardenzahlungen an den durchgreifenden Problemen des Landes nichts ändern würden. Griechenland fehlt es weder an europäischer Solidarität noch an materieller Hilfe, sondern an der Erkenntnis, dass das Land sich durchgreifend reformieren muss, um attraktiv für ausländische Investoren zu werden. Und es fehlt an der Kraft, innerstaatlich die Entscheidungen zu treffen, damit es in Griechenland wieder aufwärts geht.

Laut Medienberichten ist das Verhältnis zwischen Merkel und Finanzminister Schäuble angespannt...

Bosbach: In der Fraktionssitzung am Dienstag war davon überhaupt nichts zu spüren. Beide eint der Wille, Griechenland in der Eurozone zu halten. Aber vielleicht ist der Bundesfinanzminister aufgrund seiner Gespräche mit Herrn Varoufakis etwas skeptischer als die Bundeskanzlerin nach ihren Gesprächen mit Herrn Tsipras.

Das Interview ist am 18. Juni 2015 im Luxemburger Wort erschienen.