"Wir erleben gerade eine Art Selbstzensur"

Wolfgang Bosbach (CDU) über den Rückzieher der Kölner Narren beim Charlie-Hebdo-Motivwagen. Das Interview führte Andreas Herholz. Es erschien u.a. in der Rhein-Necker-Zeitung am 30. Januar 2015.

Herr Bosbach, Sie sind seit Jahrzehnten aktiver Karnevalist. Was ist das Wesen des rheinischen Karnevals?

Zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch feiern die Karnevalisten ein großes Volksfest, bei dem Menschen aus allen Bevölkerungskreisen mit unterschiedlichem Temperament, aber mit gemeinsamer Begeisterung für das Brauchtum gemeinsam vom Alltag Abstand nehmen und sich einmal aller Sorgen und Lasten entledigen. Man will nur fröhlich feiern. Zu allen Zeiten hat man im Karneval aber auch aktuelles Zeitgeschehen karikiert, sowohl in Büttenreden als auch auf den Karnevalswagen bei den Umzügen.

Haben Sie Verständnis für die Entscheidung der Kölner Karnevalsgesellschaft?

Für mich ist es einigermaßen nachvollziehbar, dass das Festkomitee Kölner Karneval erklärt, es wolle den Rosenmontagszug nicht zur Zielscheibe von Extremisten oder gar Gewalttätern machen. So weit, so gut. Jedes Jahr kommen etwa eine Million Menschen zum Rosenmontagszug, um dort ein großes Fest zu feiern. Dennoch halte ich diese Entscheidung für sehr problematisch. Sie bedeutet letztendlich ein Einknicken vor Extremisten. Wenn man die katholische Kirche aufs Korn nimmt, dafür braucht man wirklich keinen Mut. Da gibt es in der Regel sogar Beifall, und da kann man sicher sein, dass kein beleidigter Christ gewalttätig wird. Beim Thema Islam/Islamismus sieht das anders aus. Wir haben die Schere in Wahrheit doch schon lange im Kopf. Jeder, der sich kritisch äußert, wägt seine Worte genau ab, damit er nicht in das Visier von gewalttätigen Islamisten gerät.

Dabei ist das Motiv des ursprünglich geplanten Umzugswagens doch eher harmlos. Oder nicht?

Dieser Wagen sollte doch nicht Sympathie für alle Karikaturen des Magazins Charlie Hebdo bekunden, über deren Qualität man im Übrigen durchaus streiten kann. Der Wagen sollte ein Plädoyer für die Meinungs- und Pressefreiheit sein. Vor allem das Signal aussenden, dass wir vor Extremismus nicht einknicken. Wenn der Wagen jetzt aus dem Verkehr gezogen wird, dann knicken wir jedoch ein. Deshalb ist die Entscheidung problematisch.

Die Zugleitung sagt, der Wagen schränke die Freiheit des Karnevals ein.

Diese Begründung überrascht mich wirklich. Es hat im Kölner Rosenmontagszug schon Wagen mit wesentlich drastischeren Abbildungen und hochpolitischen Inhalten gegeben. Auch der Mainzer Sitzungskarneval war in weiten Teilen schon immer politisch. Wir erleben gerade eine Art Selbstzensur, Satire darf zwar alles - aber wehe dem, der diesen Satz beherzigt. Gerade weil Extremisten sich darum bemühen, unliebsame Meinungen zu unterdrücken, darf man ihnen nicht nachgeben.

Narrenfreiheit ja, aber Meinungsfreiheit nein?

Viele werden jetzt sagen: Meinungsfreiheit und Satire, ja. Aber passe auf, wenn du dich kritisch mit dem Islam auseinandersetzt. Das kann zu massivem Ärger oder Gewalt führen. Dieses Phänomen kennen wir bereits seit der Fatwa, dem Mordaufruf, gegen Salman Rushdie.

Wie reagieren die Jecken?

Egal, welche Entscheidung das Festkomitee getroffen hat, Kritik hätte es immer gegeben. Jetzt wird kritisiert, dass wir vor Radikalen einknicken. Wäre der Wagen mitgefahren und wäre es daraufhin zu Störungen oder gar zu Gewaltakten gekommen, dann hätten viele gesagt: "Das hättet ihr vorher wissen müssen!"