"Wir werden nicht die DDR-Volkskammer light"

Wolfgang Bosbach im Interview mit Maternus Hilger.

Der Versuch von Unions-Fraktionschef Volker Kauder, andersdenkende Abgeordnete wie Sie - Stichwort Griechenland-Hilfe - aus wichtigen Ausschüssen zu verbannen, schlägt hohe Wellen. Bekommen wir die DDR-Volkskammer light?

Diese Sorge müssen wir nun wirklich nicht haben, zumal ich nicht erkennen kann, dass es Kolleginnen oder Kollegen gibt, die aufgrund dieser Meinungsäußerung unseres Fraktionsvorsitzenden ihr Abstimmungsverhalten ändern werden. Eine lebendige Volkspartei wie die CDU muss das aushalten.

Debatten leben doch vom Austausch der Argumente. Wer bei der Abstimmung mit „Ja“ stimmt, hat sich seine Entscheidung gewiss nicht leicht gemacht – das gilt allerdings auch für diejenigen, die – wie ich – dem dritten Hilfspaket für Griechenland in der kommenden Woche nicht zustimmen werden.

Macht die CDU nicht einen Fehler, indem sie weiter allein auf Merkel setzt – nach dem Motto: Es kann nur eine Ewig-Kanzlerin geben?

Angela Merkel ist nicht unser einziges Argument, aber sie wäre bei einer erneuten Kanzler-Kandidatur unser bestes Argument. Angela Merkel genießt weit über die Grenzen von CDU und CSU hinaus Sympathie und Respekt für ihre erfolgreiche, betont ruhige und sachliche Arbeit an der Spitze der Regierung. Aber auch und gerade für ihr persönliches Auftreten, das wohltuend unprätentiös ist.

Obwohl Sie in Bergisch Gladbach leben, sind Ihre Beziehungen zu Köln vielfältig – nicht nur im Karneval. Was sagen Sie zu dem Skandal um die Oper? Erinnert Sie das nicht etwas an griechischen Schlendrian und Inkompetenz?

Offensichtlich gibt es echte Dramen nicht nur auf Opernbühnen, sondern auch auf Großbaustellen. Da ich jedoch im Detail weder weiß noch wissen kann, aus welchen Gründen Bauplanung und Baukosten aus den Fugen geraten, möchte ich von den Höhen des Bergischen Landes aus keine Ferndiagnose abgeben. Allerdings ist es schon auffallend, wie viele große Bauvorhaben der öffentlichen Hand – rustikal formuliert – aus dem Ruder laufen. Und das gilt nicht nur für die berühmteste Baustelle der Republik, den Flughafen BER.

Ein Beispiel?

Als der Bund vor gut 10 Jahren mit der Planung des BND-Neubaus in Berlin begann, rechnete man mit Baukosten von gut 700 Millionen Euro. Ich habe schon damals befürchtet, dass diese Summe nie und nimmer ausreichen würde, das Doppelte sei viel wahrscheinlicher.

Dafür bin ich hart kritisiert worden. Mittlerweile dürfte es so sein, dass selbst meine Schätzung eher moderat war. Und von gewaltigen Erlösen wegen der Immobilie in Pullach ist schon lange keine Rede mehr.

Wie geht es Ihnen? Sie sprechen nicht mehr oft über Ihre Krebserkrankung – ist das Schlimmste überstanden?

Mit Ihrer Feststellung, dass ich schon lange nicht mehr über meine Krebserkrankung gesprochen habe, liegen Sie völlig richtig – weil ich dankenswerterweise schon lange nicht mehr danach gefragt worden bin. Ich bin auch niemandem böse, der mich nicht fragt. Ganz im Gegenteil. Es geht mir so lala. Zwar ist jeder Tag eine neue Herausforderung, aber ich habe keine Schmerzen oder Beschwerden, die mich daran hindern, meine Arbeit zu machen.

Es ist, wie es ist, ich kann daran nichts ändern. Ich nehme meine Medikamente und lasse keinen Untersuchungstermin sausen. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, will ich mich nicht beklagen. Es gibt Schlimmeres.

Das Interview erschien am 16. August 2015 auf www.express.de