"Wortwolken sind häufiger als Klartext."

Wolfgang Bosbach im Interview mit der Bergischen Landeszeitung.

Was hören Sie in deutschen Talkshows häufiger, Klartext oder Wortwolken?

Wolfgang Bosbach: Wortwolken sind häufiger als Klartext. Insbesondere wenn Politiker zu Gast sind.

Ist das im Bundestag auch so?

Ja, ich frage mich ja manchmal selber, wenn ich einer Rede einer Kollegin oder eines Kollegen zuhöre: „Was will uns der Künstler damit sagen?“

Hat sich die politische Sprache verändert?

Nicht nur in der Politik wird die Sprache immer glatter, die Sätze immer austauschbarer. Dieses Phänomen gibt es auch im Fußball. Trainer und Spieler konzentrieren sich heute nicht mehr auf die nächste Partie - sie sind immer „total fokussiert“. Früher hatte man „gute Spieler“, heute hat man viel „Qualität in der Mannschaft“. Und die Medienprofis der Vereine haben garantiert feuchte Hände, wenn sie erleben, dass ihre Spieler unmittelbar nach dem Schlusspfiff sofort interviewt werden. Dann ist die Gefahr hoch, dass die Spieler sagen, was sie tatsächlich denken. Aber wenn die Mannschaft erst einmal geduscht hat und frisch geföhnt vor den Mikrofonen steht, hören wir mit ziemlicher Sicherheit sportpolitisch korrekte Formulierungen.

Mit wem macht Ihnen der politische Streit besonderen Spaß - auch sprachlich?

Mit allen, die eine feste politische Überzeugung haben und zu dieser Überzeugung stehen, auch wenn es einmal Gegenwind gibt oder wenn man nicht mit der Mehrheitsmeinung übereinstimmt. Christian Ströbele (Grüne) ist hierfür ein Beispiel. Inhaltlich haben wir beide kaum Übereinstimmungen, aber ich habe dennoch Respekt vor seiner Sachkompetenz und seiner Standhaftigkeit. Obwohl dieses Geständnis für einen CDU-Mann problematisch sein kann, muss ich zugeben, dass ich auch Gregor Gysi (Linke) gerne zuhöre, zumal es bei ihm nie bierernst zugeht und er auch in der Lage ist, sich einmal selber auf den Arm zu nehmen. Wir Politiker sollten uns nicht wichtiger nehmen als wir tatsächlich sind.

Und wer spricht Ihrer Ansicht nach besonders kompliziert?

Kolleginnen und Kollegen, die Schachtelsätze und komplizierte Formulierungen lieben, gibt es in allen Fraktionen. Ein wahrer Formulierungskünstler ist Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Und ich frage mich immer wieder: „Wie wird dieser Satz wohl enden?“ Erstaunlicherweise bringt er am Ende immer wieder die Gedankenfäden zusammen.

Und was ist mit der AfD?

Die AfD pflegt in der Tat auch eine klare Sprache, allerdings sind die Inhalte sehr oft nicht nur irritierend, sondern geradezu abstoßend.

 

Das Interview ist am 29.09.2016 auf www.rundschau-online.de erschienen.